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Kultur
01/30/2019

Österreichische Filmpreise: Beckermann - "ÖVP ist von Waldheim auf Waldhäusl gekommen"

„Murer“ und „Waldheims Walzer“ gewannen die Hauptkategorien. Beste Hauptdarstellerin ist Ingrid Burkhard. Regierungskritik bei Verleihung.

Mit acht Nominierungen ging „Murer – Anatomie eines Prozesses“ von Christian Frosch als Favorit um die österreichischen Filmpreise ins Rennen. Im Endeffekt wurden es am Mittwochabend im Wiener Rathaus nur zwei, darunter aber der wichtigste – für den besten Spielfilm.

Frosch rekonstruierte am Originalschauplatz im Grazer Landesgericht den Prozess gegen Franz Murer, der im Zweiten Weltkrieg einer der Hauptverantwortlichen für die Tötung der Juden in Vilnius war. Überlebende des Holocausts sind eigens angereist, um gegen ihn auszusagen, darunter Perl Akin, dargestellt von Inge Maux (sie erhielt den Preis für die beste weibliche Nebenrolle). Trotz der erdrückenden Beweislage endet der Prozess 1963 mit einem Freispruch.

Auch der beste Dokumentarfilm beschäftigt sich mit der gerne verdrängten NS-Vergangenheit: Die Auszeichnung ging – wenig verwunderlich – an Ruth BeckermannsWaldheims Walzer“.

Das thrillerartige Flüchtlingsdrama „Styx“ verwertete alle drei Nominierungen: Wolfgang Fischer heimste Lob für die beste Regie und das beste Drehbuch ein, Monika Willi für den besten Schnitt.

Je drei Preise gab es auch für „Cops“ von Stefan A. Lukacs (beste Hauptrolle: Laurence Rupp, beste Nebenrolle: Anton Noori sowie bester Ton) und den Historienfilm „Angelo“ von Markus Schleinzer (beste Kostüme, beste Maske, bestes Szenenbild). „Die Einsiedler“ von Ronny Trocker erhielt deren zwei (beste Hauptrolle: Ingrid Burkhard sowie beste Kamera).

Großer Verlierer war die vierfach nominierte Literaturverfilmung „Der Trafikant“ von Nikolaus Leytner: Sie ging völlig leer aus. „L’Animale“ von Katharina Mückstein (6 Nominierungen) hat zumindest die beste Musik. Den Kurzfilm-Preis erhielt Bernhard Wenger.

"Die selben Töne wie damals"

„So lange man etwas sagen darf, muss man jede Gelegenheit nutzen“, gab die gewohnt engagierte Filmemacherin Beckermann in ihrer Dankesrede wie viele Preisredner die politische Tonalität des Abends vor. Ein Jahr nach der Angelobung der Regierung lasse sich konstatieren: „Die ÖVP ist von Waldheim auf Waldhäusl gekommen - vom Heim zum Häusl.“ Zugleich müsse man der Wahrheit ins Auge schauen: „Die Mehrheit der Österreicher hat diese Regierung gewählt und steht noch immer hinter ihrer menschenverachtenden Politik. Es soll nur nie irgendwer sagen, er hätte von nichts gewusst.“

Dass beim Österreichischen Filmpreis die Uhren anders ticken, hatte das Moderatorenduo Caroline Peters und Nicholas Ofczarek bereits zum Auftakt deutlich gemacht, beruhigte man doch die 77 Nominierten: „Nehmen Sie sich so viel Zeit für Ihre Dankesreden, wie Sie wollen.“ Man werde auch eine noch so „affenartig lange Danksagung“ nicht unbrechen, versuchte Peters die „waidwunden Rehe“ der nervösen Kandidaten zu beruhigen.

Auch Wiens Bürgermeister Michael Ludwig (SPÖ) replizierte auf die Zeit und bat ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz in seiner Begrüßung, den Abspann bei österreichischen Filmen langsamer laufen zu lassen: „Das ist auch eine Frage des Respekts.“ Wiens Kulturstadträtin Veronica Kaup-Hasler (SPÖ) wiederum forderte „eine Zivilgesellschaft die aufsteht - früh aufsteht - und die Klappe aufmacht“. Diesen Appell - „Klappe Auf!“ - trägt auch eine im Vorjahr von den Filmemachern gestartete Aktion, die mittlerweile über 100 politische Kurzfilme auf ihrer Homepage (www.klappeauf.at) versammelt hat und in deren Namen Kameramann Gerald Kerkletz unter Stehenden Ovationen auf offener Bühne zum Engagement gegen die türkis-blaue Regierung aufrief.

In dieselbe Kerbe schlug auch Martin Pollack in seiner ob Erkrankung von Peter Simonischek vorgetragenen Gastrede: „In der nächsten Dekade kann alles passieren - sogar das Schlimmste. Wir schwimmen auf der Titanic.“ Noch sei Österreich nicht Polen oder Ungarn. Aber die FPÖ steuere in der Regierung in dieselbe Richtung. „So eine Entwicklung dürfen wir nicht hinnehmen“, fordert Pollack: „Wir dürfen uns an die Sprache der Niedertracht, der Zerstörung und des Hasses nicht gewöhnen.“

Einzig Christian Frosch als Regisseur des Hauptpreissiegers „Murer - Anatomie eines Prozesses“, der sich mit dem Umgang von Nachkriegsösterreich mit der Nazivergangenheit beschäftigt, bedankte sich bei der Bundesregierung: „Ich danke der Regierung, dass sie das Thema unseres Filmes immer aktuell hält.“

Dass bei der Filmpreisgala etliche Künstler das Wort ergriffen haben, um sich gegen den Rechtsruck in Österreich und die türkis-blaue Regierung auszusprechen, imponierte Burkhard. Allerdings verwies sie auch darauf, dass im Saal wohl alle einer Meinung sind - und man daher mit den Leuten draußen ins Gespräch kommen müsse. „Man muss ihnen sagen: Hört doch zu! Hört, welche Luftblasen dort gesprochen werden. Ich sage, was ich mir denke. Ich habe es schon mal erlebt, und ich höre genau dieselben Töne wie damals.“