Kultur
04.04.2018

Ö3 schraubt am Musikmix - mehr Österreich

Senderchef Spatt sieht kein großes Bedrohungspotenzial im „breiten Spagat“ der Zielgruppen.

Ö3 erkundet im 51. Jahr seines Bestehens intensiv die Wünsche seiner Hörer. Ende Februar veranstaltete man eine „Umfragewoche“ und gelangte zu „schönen und interessanten Ergebnissen, mit denen wir weiterarbeiten wollen“, sagt Senderchef Georg Spatt im APA-Interview. „Try harder“, gibt er denn auch als Devise aus. Als ein konkretes Ergebnis ist etwa schon eine österreichische Musiksendung on air.

„Treffpunkt Österreich“ heißt das Format, das seit 26. März montags (19.00 bis 21.00 Uhr) jeweils eine österreichische Band bzw. einen österreichischen Musiker im Studio begrüßt und eingehend vorstellt. Die Frage nach dem Österreich-Anteil am Musik-Potpourri „begleitet uns seit 51 Jahren“, weiß Spatt - „mit allen Ups und Downs des Themas.“ Das Feedback der Hörer sei eindeutig: „Österreichische Musiker und ihre Musik und Ö3 werden sehr stark als zusammengehörig gesehen, und das wird auch eingefordert.“ Was denn genau man nun unter „österreichischer Musik“ zu verstehen habe, „darüber sind sie sich oft gar nicht einig.“ Der Wunsch, dass „Ö3 etwas tut für die heimischen Musiker, ist aber da. Das ist ein schöner Auftrag, auch wenn er in der Umsetzung nicht immer einfach ist. Wir werden uns noch mehr darum bemühen.“ Schon jetzt lebe Ö3 eine „selbst auferlegte Quote von 15 Prozent - einfacher formuliert: jede Stunde ca. zwei österreichische Titel“, betont er zudem.

"Zu viel vom Gleichen"

Generell sei Musik immer noch zentral für die Definition von Ö3: „Aktuelle Pop- und Rockmusik ist das Motiv für Ö3 und die Ö3-Hörer.“ Kritisch angemerkt wurde indes, dass der Sender „musikalisch zu viel vom Gleichen bietet. Das muss man zur Kenntnis nehmen, selbst wenn, wie der Erfolg zeigt, das Musikrezept grundsätzlich gut funktioniert. Wir bemühen uns, auch diesbezüglich den Hebel anzusetzen. Wir machen unser Musikprogramm vielfältiger“, kündigt Spatt an.Wichtig fürs Ö3-Publikum

sei zudem „die Begleitfunktion: Radio als Motivator, als Stimmungsmedium, das mich von der Früh weg über den Tag begleitet“. Ö3 biete da „das gute Gefühl, zu erfahren, was ich wissen muss. Das ist manchmal bei Ö3 mehr, als seine Hörer verlangen: Das Service- und Informationsangebot wird sehr geschätzt und stark wahrgenommen, ist bei einem Sender wie Ö3 aber gar nicht in der Ausführlichkeit gefragt, wie wir es anbieten.“ Es sei aber eine bewusste - und auch dem öffentlich-rechtlichem Auftrag verpflichtete - Entscheidung und ein USP des Senders, Nachrichten ausführlich und mit internationalem Anspruch zu senden.

2016, als es an die Wahl eines neuen ORF-Generaldirektors ging, war in den Bewerbungen der beiden Kandidaten Düsteres über die Zukunft von Ö3 zu lesen. Der Sender sei zu ungesunder Breite, von jung bis alt, verdammt und damit gefährdet. „Das ist schon ein breiter Spagat“, meint Spatt zur Ausrichtung des Hitradios von jung bis alt und „Bregenz bis Wien“: „Aber auch das ist ein USP, wir werden überregional stark wahrgenommen und auch über die Generationen hinweg. Markttechnisch gilt natürlich: Je breiter man aufgestellt ist, desto leichter lassen sich einzelne Segmente von Mitbewerbern gezielt ansprechen. Ich sehe aber zur Zeit keine große Gefahr.“ Zuletzt auffällige Überschneidungen mit FM4 gebe es, räumt er ein, zugleich aber auch „ganz starke Trennlinien“: „Um viel Deutschpop, egal ob aus Österreich oder Deutschland, macht FM4 einen ganz großen Bogen.“

Piratenradio

20 Jahre Privatradio begeht man dieser Tage in Österreich. Spatt findet es nicht unironisch, dass er seine Laufbahn einst beim „Piratensender“ Radio CD startete „und einen Großteil des dualen Rundfunkmarkts beim ORF verbracht“ hat. „Ich freue mich immer über Radiotest-Ergebnisse, die dem Radio insgesamt einen guten Stand ausweisen“, sagt er und: „Ich freue mich auch immer über gute Ergebnisse für die Privaten, weil ich das für das Medium für wichtig halte.“ Der Sektor habe massive Veränderungen erlebt, „technologisch, kaufmännisch-kommerziell und regulatorisch“. Neue Technologien, etwa Smart Speaker wie Amazon Echo, sieht er als „Riesenchance“: „Ein Mehr an Hörinhalten macht Radio attraktiv und interessant. Wann haben zuletzt Menschen gesagt: 'Ich finde Radiohören sexy, weil ich mit meinem Smart Speaker reden kann - und ich höre wieder gern Radio'. Offensichtlich ist Ö3 auch ein attraktiver Inhalt, nicht umsonst hat Amazon in Österreich mit uns für 'Alexa' geworben.“

Was die medienpolitischen Rahmenbedingungen betrifft, seien diese Entwicklungen aber eine Herausforderung: „Vor 15, 20 Jahren waren die Märkte Radio, TV, Internet noch eindeutig. Wenn heute Radio auf dem Smartphone übers Internet gehört wird und dazu Bilder geschickt werden - ist das Radio, Internet oder schon Fernsehen? Hier sind die Regulatoren und die Medienpolitik ständig gefordert, worum ich sie nicht unbedingt beneide.“

Ö3 wird sein Quartier in Wien-Heiligenstadt bis 2021 verlassen und auf den zentralen ORF-Standort am Küniglberg übersiedeln. Die Belegschaft sehe das leidenschaftslos, versichert der Senderchef: „Auch unseren Hörern ist das wahrscheinlich relativ wurscht.“ Von Anfang an habe er sich aber darum bemüht, „dass wir möglichst nah an den oder sogar in den Newsroom kommen. Die aktuelle Information ist für Ö3 wie Herz und Lunge unseres Organismus.“ Die Ö3-Nachrichtenredaktion als Teil der Radio-Information arbeite schon jetzt ausgezeichnet mit den Kollegen im Funkhaus zusammen, „aber mit physischer Nähe wird das sicher noch besser“, ist sich Spatt sicher. Sein Wunsch wurde erhört, den aktuellen Plänen zufolge wird Ö3 im selben Block wie der Newsroom angesiedelt.