Kultur
15.06.2018

Nova-Rock-Auftakt: Volksfest-Grölerei statt Headbanging

Ausgerechnet Seiler und Speer hatten am ersten Tag des Rock-Events den größten Fanzuspruch.

Es ist rund um Mitternacht, es ist der Eröffnungs-Abend des Nova Rock 2018. Und trotzdem wandern die Festival-Besucher zu hunderten von der Hauptbühne, der Blue Stage, ab. Aber es ist nicht nur der kühle Wind, der penetrante Nieselregen, der schon den ganzen Tag immer wieder aufkam und gerade wieder stärker wird, der die Leute schon jetzt in die Zelte treibt. Es ist auch „Headliner“ Marilyn Manson.

Nach der Absage der Toten Hosen (Sänger Campino hatte einen Hörsturz erlitten) übernahm der 49-Jährige Schock-Rocker deren Slot auf der Hauptbühne. Eine würdige Vertretung der Düsseldorfer ist er nicht.

Amüsiert

Das beginnt schon damit, dass er viel zu wenig Programm hat. Immer wieder streckt er das Set mit langen Pausen, bei denen die Bühne schwarz bleibt. Er holt Fans mit Dinosaurier-Morphsuits auf die Bühne, amüsiert sich ewig darüber, und erzählt, dass er sein Statement von anno dazumal, dass Rock tot sei, revidieren möchte: Rock ist nicht tot, er habe sich nur versteckt und er, Manson, habe ihn, den Rock, jetzt wiedergefunden.

Irgendwie schräg. Denn so tot wie bei ihm klang Rock heute noch bei keinem Act. Starcrawler um 14 Uhr als als erster Act auf der Red Stage hatten prächtig vorgelegt: Die Spaghetti-dünne Frontfrau Arrow de Wilde tollte wie ein Berserker über die Bühne, spuckte Blut, küsste oder watschte die Fans in der ersten Reihe ab. Immer begleitet von einem Sound, der Glam, harten Rock, hymnische Melodien und überschäumender Spiellaune verschmolz.

Von der Energie her ebenfalls beeindruckend: Dead Cross. Dass dabei Mike Patton von Faith No More und Slayer-Drummer Dave Lombardo auf der Bühne standen, schien vielen entgangen zu sein. Der Rest hörte eine Band, deren Sound genauso roh und ruppig klang, wie ihr Zusammenspiel.

Ausgelassen

Hollywood Undead brachten mit ihren Masken und eingängigem Rap-Metal Party-Stimmung in die Pannonia Fields, bevor Kraftklub – wie immer höchst engagiert und fokussiert – den musikalisch kompaktesten Auftritt hinlegten.

Das meiste Publikum, die ausgelassenste Stimmung, die lautesten Mitgröler hatten aber Seiler und Speer. Plötzlich regierte bierselige Volksfest-Stimmung – und vor allem lyrisch, aber häufig auch musikalisch auch Volksfest-Niveau.

Und jetzt Manson. Seit dem ersten Ton klingt er lustlos. Er brüllt, die Gitarren kreischen. Nichts von der raffinierten Instrumentierung, die Alben wie „Mechanical Animals“ und „Antichrist Superstar“ zu Meistwerken machten, ist hier zu hören. Nichts von dem subversiven Zauber, den die hatten, ist hier zu spüren. Schludrig, rotzig und trotzig zieht er das Konzert durch, anstatt fanatisch, hysterisch und dämonisch, wie in den späten 90er-Jahren.

Es ist das totale Gegenteil der Bomben-Stimmung, die die Toten Hosen immer wieder und immer noch verbreiten können, hier verbreitet hätten. Egal. Mittlerweile schüttet es. Und es gibt noch drei weitere Nova-Tage. Dass Bierzelt-Flair Headbanging und fetzige Gitarren-Riffs aussticht, sollte sich spätestens beim Finale am Sonntag mit dem heurigen (vielleicht einzigen) Nova-Highlight Iron Maiden ändern.