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Gespräch
09/27/2021

Nils Frahm: Kreativ mit Muskeln, Blut und Sehnen statt dem Computer

Der Pianist (im Bild links) spricht über sein mit F.S. Blumm aufgenommenes Dub-Album "2x1=4", KI und Kassettenrekorder

Mit einem Kassetten-Rekorder – ja, dieser Klein-Version eines Tonbandgerätes aus den 70er-Jahren – haben der deutsche Pianist und Synthesizer-Spezialist Nils Frahm und der Underground-Musiker Frank „F.S. Blumm“ Schültge die Grundzüge ihres vierten Duo-Albums „2x1=4“ aufgenommen.

Darauf widmen sie sich der Dub-Musik, einer instrumentalen Spielart des Reggae. „Wir sind beide Fans davon und haben 2016 einen Tag als solche zusammen improvisiert“, erzählt Frahm im KURIER-Interview. „Ich habe die Drum-Machines gesteuert und Keyboards gespielt, Frank spielte Bass und Percussion. Und diese Sessions vom Kassetten-Rekorder haben wir über die nächsten Jahre zu Stücken weiterentwickelt.“

Herausgekommen ist ein Album, das Ambient-Klänge und Dub-Beats fusioniert und so die Unruhe unserer Zeit genauso spiegelt, wie die Freude und Verspieltheit der Musiker.

„Wir haben natürlich unseren Stil eingebracht“, sagt Frahm. „Franks Talent ist, wenn ich zu schön klinge, ein Schwert in den Rücken des Ganzen zu rammen. Und wenn Frank sich in seinen abstrakten Geräuschen verliert, bringe ich fokussierte Noten hinein.“

Den Kassetten-Rekorder hat Frahm vor ein paar Jahren erstanden: „Er stammt aus einer Produktion für den Rundfunk im Jemen, wo noch mit Kassettenrekordern gearbeitet wurde. Dann hat sich dort aber der Krieg intensiviert, die Geräte wurden nicht abgenommen und versteigert.“

Dabei zugeschlagen hat Frahm, weil er generell sehr an der Tontechnik der 50er-, 60er- und 70er-Jahre interessiert ist: „Da gab es noch keine Software, die grenzenlose Zaubertricks für die Klangbearbeitung drauf hatte. Wenn ich heute das Rauschen auf der Kassette höre, ist das für mich wie ein Instrument. Da passiert etwas in den Höhen, und dann überlege ich mir, was deswegen in den Bässen zu machen ist.“

Auch wenn er auftritt, spielt Frahm neben dem Piano nur alte Synthesizer, bei denen alles mechanisch eingestellt werden muss. „Dieses Anfassen eines Gerätes hat eine menschliche Komponente, die mit dem Computer produzierten Sounds fehlt. Das ist wie Muskelfleisch, Blut und Sehnen. Auf der Bühne drehe ich dann mal was zu laut oder falsch auf. Dann muss ich darauf reagieren, und das ergibt eine intuitive Situation, wo ein Fehler die nächste Idee inspiriert. Das hilft mir, Sachen zu entdecken, auf die ich durch meine Ratio nicht kommen würde. Das ist für mich Kunstschaffen – eine körperliche Erfahrung.“

Aus diesem Grund lehnt Frahm auch die aktuellen Bestrebungen ab, Musik von Künstlicher Intelligenz erstellen zu lassen.

„Die kann brauchbar klingen, aber sie bringt halt nichts. Musik ist immer noch primär die Kommunikation zwischen Mensch und Mensch, vermittelt Gefühle, mit denen ich in Resonanz treten kann. Ein Computer hat aber keine Gefühle. Das wäre nur interessant, wenn man viele Stücke in kurzer Zeit haben will, um sie zu verkaufen. Aber ich glaube, wir sollten nicht zu viel Musik verkaufen, hinter der wir nicht stehen. Wir sollten den Markt lieber für Musik mit Herz offen halten, damit Stücke, die aus einem Mitteilungsbedürfnis entstanden sind, eine Bühne kriegen.“

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