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Kultur
03/12/2019

Neues Album von Solange Knowles: Avantgarde in kleinen Dosen

So ist das neue Album „When I Get Home“ der Schwester von Beyoncé.

von Georg Leyrer

Es ist das Hörerlebnis zur Social-Media-Zeit: Solange Knowles, jüngere und unter Interessantheitsverdacht stehende Schwester der amerikanischen Musik-Köngin Beyoncé, scrollt auf ihrem neuen Album „When I Get Home“ ziemlich entspannt durch die Musik-Timeline, und hält sich mit dem, was sie dort findet, nur so lange auf, wie es Dopamin ausschüttet (das tut es, ordentlich).

Es sind oft aberwitzig kurze Häppchen, die Solange hinwirft, sie schaut Hooks, Melodien an, prüfenden Blicks, lässt sie fallen, als wäre nichts gewesen.

Aber es sind Melodien, Stimmungen, bei denen andere froh wären, wenn sie nur eine davon hätten. „When I Get Home“ ist ein Album des Reichtums, gleichsam ein postmaterialistisches Statement: Wer viel hat, muss nicht alles so hoch halten, wie die es tun, die wenig haben.

Produktionswert

Das Album ist Sinnbild für Solanges komplizierte Karriere: Sie startete als Backgroundtänzerin für ihre Schwester, veröffentlichte mit 16 ihr erstes Album – und unterwanderte den fix eingebuchten Erfolgs-Kurs zielstrebig, bis ihr mit „A Seat at the Table“ 2016 dann doch ein Nummer-eins-Album auskam.

Davor war in dem berüchtigten Aufzugsvideo zu sehen, wie Solange Beyoncés Mann, Jay-Z, haut.

„When I Get Home“ geht mindestens so viele Umwege wie Solanges bisherige Karriere. Es ist ein ungreifbares, durchaus schwierig anzuhörendes Stück R’n’B-Avantgarde. In den Miniaturen geistern „Bohemian Rhapsody“ und das Girl aus Ipanema ebenso herum wie Tonfetzen aus viralen Online-Videos. „My Skin Logo“ treibt die Nobelmarken-Vernarrtheit des Hip-Hop über den sarkastischen Gipfel. Immer wieder spielen die Produzenten recht simpel mit dem Lautstärkeregler, sie lassen das Ende des Songs schon erahnen, und man wundert sich dann, dass er weiterläuft.

Man darf da, während einem die schwer fasslichen Songs unter den Fingern zerrinnen, ruhig nachdenken über Hörgewohnheiten. Aber „When I Get Home“ unterwandert das Lamento, dass die Aufmerksamkeitsspanne immer kürzer wird. Denn kürzer ist hier: komplexer.