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Literatur
03/23/2019

Neuauflage von Jiří Weils Satire mit Richard Wagners Nase

"Mendelssohn auf dem Dach" über Prag 1942 und Heydrich, der die "Endlösung" organisierte.

von Peter Pisa

Wo ist Jiří Weil (1900 - 1959)? Verloren zwischen Stalin und Hitler war er, und jetzt verloren zwischen Kafka und Milan Kundera.
Als „Mendelssohn auf dem Dach“ 1992 erstmals auf Deutsch erschien, konnte man  glauben: Jetzt drängt der Tscheche nach vorne.
Aber nein, man muss  nachhelfen und Werbung für die Neuauflage  machen. „Mendelssohn auf dem Dach“ ist ein persönliches Lieblingsbuch seit einem Vierteljahrhundert.
Regisseur Ernst Lubitsch wollte, dass man über Nationalsozialisten lacht. Deshalb der Film „Sein oder Nichtsein“. Jiří Weil - Foto oben - wollte das nicht.  Prag während des Kriegs musste bleiben, was es war: Besetzt, angekettet. Man krepierte. Und man stirbt nicht stehend, wie es Bäume tun. Blutend lag man auf dem Fußboden. Das musste, bei allen Lächerlichkeiten, festgeschrieben sein.

Vermessen

Heydrich in Prag.
Er organisiert die „Endlösung“. Nach einer Rede im Konzerthaus entdeckt er auf der Balustrade eine Statue des jüdischen Komponisten Mendelssohn-Bartholdy.
„Plötzlich verzog sich sein Gesicht  wütend, hasserfüllt.“
Heydrich war Sohn eines Musiklehrers. Er kannte sich aus. Der SS-Anwärter, der die Statue entfernen soll, weiß aber nicht, wie Mendelssohn aussah. Auf dem Dach sind viele Statuen. Gemäß NS-Rassenlehre zückt er  den Zollstock und vermisst die Nasen .
Die größte Nase hatte – Richard Wagner.
Nach dem Attentat auf Heydrich sammeln die Prager Splitter der geborstenen Windschutzscheibe. „Warum?“, fragt jemand. „Das bringt Glück.“ Leider nein, der 27.Mai 1942 war noch nicht das Ende.

 

Jiří Weil:
„Mendelssohn auf dem Dach“
Übersetzt von Eckhard Thiele.
Wagenbach
Verlag. 288 Seiten. 22,60 Euro.

KURIER-(Höchst)-Wertung: *****