© Peter von Felbert

Literatur
01/05/2019

Neal Stephensons neuer Roman: Die Regierung sucht Hexen

„Der Aufstieg und Fall des D.O.D.O.“ ist ein einfach gestricktes Buch – für seine Verhältnisse. Bloß mit etwas Dekohärenz-Kavität".

von Peter Pisa

Magie gab’s.
Hat eh niemand daran gezweifelt, der mit Dumbeldore und Gandalf oder Merlin aufgewachsen ist.
Noch einmal: Bis etwa 1850 war Magie ganz real. Die Erfindung der Fotografie aber bedeutete das Ende. Frage niemand, warum. Die Antwort könnte potenzielle Leser verschrecken.
(Na gut:  Wird im Foto ein Moment fixiert, kann es keine gleichzeitigen Momente mehr geben, und Zaubern heißt: von Parallelmomenten etwas herüberholen ...)

Eszebet hilft

Dritter Versuch.
 Damit Magie heute wieder selbstverständlich wird, forscht die Regierungsorganisation D.O.D.O. Warum wohl  sind die so scharf darauf? Übrig gebliebene Hexen werden gesucht – Eszebet Karpathy ist so eine, sie hat 150 Jahre gewartet, um wieder hexen zu können.
 Mag sie jemanden nicht, schickt sie ihn ins Jahr 1564 zurück, in ein ungarisches Dorf, und zwar nackt, sodass die Bewohner diesen seltsamen Kerl gleich nach dessen Ankunft verbrennen. Das könnten Herrscher gegen die Opposition einsetzen.
Mit Eszebets Hilfe werden Zeitreisen möglich, nach Konstantinopel 1203, Antwerpen 1560, London 1851 ... Es soll versucht werden, die Fotografie ... die Wissenschaft? zu verhindern.
Autor dieser verrückten, verspielten, auf verschiedene Arten erzählten,üppigen Geschichte ist der Amerikaner Neal Stephenson (Foto), der mit Kollegin Nicole Galland erstmals ein Team bildete – sie ist Spezialistin für historische Romane.
Für Stephensons Verhältnisse ist „Der Aufstieg und Fall des D.O.D.O.“  ein „leichtes“ Buch. Man darf sogar behaupten, eine Romanze ist’s.
Zwar bekommt man es mit Quantenphysik und Schrödingers Katze zu tun, dem Gedankenexperiment, das nun mit Menschen umgesetzt wird.
Zwar wimmelt es von Abkürzungen wie ODEK (Optische Dekohärenz-Kavität) und RUELPS (Richtschnur und Einheitliches Leitbild für Prototypische Sprachregelung).
Aber in früheren Romanen von „Snow Crash“ bis „Amalthea“ war der heute 59-Jährige viel astrodynamischer, viel orbitalmechanischer und überhaupt cyberpunkiger oder so ähnlich.
Lesemüdigkeit muss bei seinen Wälzern irgendwann auftreten, das geht gar nicht anders; und da wäre es halt nicht übel gewesen, hätte Stephenson nicht nur Irrwitz, sondern auch Schmäh.
Hat er nicht. Das heißt: Möglicherweise verstehen nur Physiker seinen Schmäh. Dieses Publikum ist ihm bestimmt mindestens so wichtig wie die in den Naturwissenschaften Ahnungslosen.


Neal Stephenson und Nicole Galland: „Der Aufstieg und Fall des D.O.D.O.“
Übersetzt von
Juliane Gräbener-Müller.
Goldmann Verlag. 864 Seiten.
30,90 Euro.

KURIER-Wertung: ****

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