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Kultur
01/26/2019

Nancy Spielberg: "Nicht die Nazis sollen unsere Geschichte erzählen"

Die Produzentin im Interview über das Archiv aus dem Warschauer Ghetto, den Film "Who Will Write Our History", der heute gezeigt wird, und den neuen Antisemitismus.

von Georg Leyrer

Widerstand bedeutete im Warschauer Ghetto auch: Niederschreiben, bewahren, erinnern. Lebenseindrücke jener zu bewahren, die dem absoluten Gräuel des NS-Regimes zum Opfer fallen sollten. Eine Gruppe von jüdischen Intellektuellen, Journalisten, Künstlern stellte sich genau dieser Aufgabe. Sie vergruben vor dem Aufstand im Ghetto unter dem Tarnnamen "Oneg Schabbat" (Info auf Wikipedia) umfangreiches Archivmaterial – 60.000 Seiten – für die Nachwelt, darunter Aufsätze, Witze, Gedichte, Augenzeugenberichte der NS-Verbrechen.

„Ich war schockiert, dass kaum jemand etwas von diesem Fund weiß. Das ist eine der wichtigsten Geschichten über den Holocaust“, sagt Nancy Spielberg. „Wir haben tausende Seiten geborgen, viele, viele Tagebücher, die genau so viel Aufmerksamkeit verdienen wie jene von Anne Frank.“

Spielberg, die Schwester von Steven Spielberg, ist Produzentin des Filmes „Who Will Write Our History“ (Regie: Roberta Grossman).

 

Diese filmische Auseinandersetzung mit der Geschichte rund um „Oneg Schabbat“ wird am Sonntag (27. Jänner), anlässlich des Internationalen Holocaust-Gedenktages an 200 Orten in der ganzen Welt gezeigt, in Österreich im Jüdischen Museum Wien (12.30 Uhr, die Teilnahme an der Filmpräsentation ist für Besucher mit gültigem Ausstellungsticket frei, Info beim Jüdischen Museum).

Gegen die Propaganda

Es gehe dabei auch um eine „Form des unbewaffneten Widerstands“, so Spielberg zum KURIER. „Diese Botschaft wollen wir in der heutigen Zeit verbreiten. Es gibt so viele Geschichten über den Holocaust, die zeigen, wie Menschen sterben. Aber wenige, die zeigen, wie sie lebten – und was sie taten, um zu überleben. Wie wichtig es ist, nicht nur den Bauch zu füllen, sondern auch das Herz und den Kopf, mit Musik, Kunst. Mit allem, was zuließ, dass sie sich als Menschen empfanden, und nicht als jene ,untermenschlichen Kreaturen‘, die die Nazi-Propaganda zeigte.“

Spielberg war früh in das Projekt involviert: Grossman habe bereits vor acht Jahren begonnen, den Film zu entwickeln, erzählt Spielberg. Sie hatte die Rechte am gleichnamigen Buch von Sam Kassow gekauft. Während der Dreharbeiten des Filmes "Above and Beyond" - beim von Spielberg produzierten Film führte Grossman Regie, hier ist der Trailer - haben sich die beiden wiederholt über "Who Will Write Our History" ausgetauscht. "Ich war fasziniert", sagt Spielberg.

Jene Menschen, die das geheime Archiv aus dem Warschauer Ghetto schufen, haben „ihre Leben für die Zukunft geopfert“, sagt Spielberg. „Und für die Wahrheit.“

Spielberg selbst hat bei der Präsentation des Filmes in Polen im vergangenen April dort ausgestellte Teile des Archivs gesehen. "Es war sehr aufrüttelnd, diese Papiere zu sehen, die von diesen Händen berührt worden waren, von diesen Menschen, die später ermordet wurden. Und es erneuerte meinen Respekt vor dieser Gruppe, die ihr Leben opferte. Für eine Zukunft, deren Teil sie nicht sein würden - was sie wussten. Das hat mich ehrfürchtig gemacht."

 

Teile des Filmes besteht aus alten Aufnahmen, und die Aufnahmen mit Schauspielern wurde in diese eingebunden. Jedes Wort, das in diesen Dramatisierungen gesprochen wurde, "stammt aus den Tagebüchern", betont Spielberg. "Es war uns extrem wichtig, dass alles akkurat blieb - jedes Wort, jede Todesbenachrichtigung, die an einer Wand hing, jedes Detail wurde erforscht und mit dem äußersten Respekt behandelt."

Es sei ein Dilemma, dass "das meiste der Archivaufnahmen von damals aus Nazi-Propagandafilmen stammt, und wir ein Statement darüber machen, dass nicht die Nazis unsere Geschichte erzählen. Deshalb haben wir Nazi-Filme als solche gekennzeichnet. Wir fanden auch Farbbild-Archivaufnahmen aus Warschau - so eine vibrierende, diverse Stadt.", sagt die Produzentin.

 

Auch dem Film komme heute eine Bewahrungsfunktion zu: „Wir fürchten uns alle aus tiefstem Herzen davor, dass vergessen wird, was passiert ist“, sagt Spielberg. Es gebe in Europa und den USA wieder einen Anstieg des Antisemitismus. „Das müssen air auf viele Arten bekämpfen. Es erschüttert mich nachdenken zu müssen, ob meine Kinder wirklich in Sicherheit vor diesem grausamen Kapitel sind. Ich musste handeln“, betont die Produzentin.

„Film ist hierfür ein mächtiges Instrument“, betont Spielberg. „Denn wir sind zunehmend eine visuelle Gesellschaft, das geschriebene Wort wird bedauernswerter Weise nicht mehr so respektiert, die jungen Menschen lesen eigentlich keine Bücher mehr." Man müsse die Geschichte daher "auf alle Arten" bewahren und die "visuellen Geschichten als Lehrmittel für die nächste Generation" einsetzen. "Ich hoffe, dass wir mit Geschichten wie diesen die Gedanken und Handlungen jener beeinflussen können, die unsere Geschichte schreiben werden. Und dass sie Einfluss darauf haben, wie die Menschen in Zukunft miteinander umgehen“, hofft Spielberg.