Kultur
13.08.2018

Nach Buhs bei "Zauberflöte": „Eben ein kompliziertes Stück“

Der Bariton über sein Debüt als Sarastro, #MeToo und den Intendanten der Salzburger Festspiele, Markus Hinterhäuser.

An den bedeutendsten Häusern ist der deutsche Bariton Matthias Goerne einer der Gefragtesten seines Fachs – egal ob es um Oper oder Liedgesang geht. Ein Gespräch über Erfolge und die umstrittene „Zauberflöte“ in Salzburg.

KURIER: Würden Sie bei einer Wiederaufnahme von Mozarts „ Zauberflöte“ den Sarastro wieder singen?

Matthias Goerne: Nicht im großen Festspielhaus. Die Produktion war ursprünglich für das Haus für Mozart vorgesehen. Dort wäre das Ergebnis ein anderes gewesen und zwar für alle. Wir bewegen uns auf einem vollkommen offenen Bühnenbild, das keine Reflexion aufweist. Das hätte man für das große Haus ändern müssen. Steht man nur zwei Meter zu weit im Bühnenhaus, ist ein natürliches Musizieren deutlich erschwert. Trotz alledem halte ich Constantinos Carydis für einen außergewöhnlichen, fantastischen Dirigenten und Musiker.

Die Rolle des Sarastro ist für einen Bass geschrieben. Sie sind ein Bariton. Was sagen Sie zur Kritik an Ihrer Interpretation dieser Rolle?

In der Tat bin ich etwas anderes als ein schwarzer Bass, aber es gibt außer diesen sechs tiefen Tönen noch andere. Wenn es um Phrasierung und Flexibilität geht, sage ich, warum nicht eine liedhafte Phrasierung?

Ist es für Sie schlüssig, dass Lydia Steier die „Zauberflöte“ in einen kommunistischen, diktatorischen Zirkusstaat verlegt?

Den Gedanken, Sarastro als Diktator zu zeigen, halte ich für richtig. Aber das lässt sich in meinen Augen nicht mit der Zirkusidee verquicken. Diese kommunistische Führerpersönlichkeit wird völlig aufgehoben, wenn in seinem Gefolge zu viele Clowns mit roten Pappnasen sind.

Monostatos sollte ursprünglich als Kohlenhändler mit schwarzem, verrußtem Gesicht gezeigt werden. Wie sehen Sie es, dass er in einen weißen Diener verwandelt wurde?

Das Weglassen der Begriffe „Mohr“ und „Sklave“ ist falsch. In der Zeit der Aufklärung machten sich Philosophen Gedanken über das Sklaventum. Mit der Figur des Monastatos verweist Mozart auf die Aufklärung. Was hätte ihn sonst dazu bewogen, einen Schwarzen in seine Oper aufzunehmen? Man sollte doch in der Lage sein, etwas auszuhalten, das vor so langer Zeit Eingang in eine Oper gefunden hat.

Würden Sie mit Lydia Steier wieder zusammenarbeiten?

In jedem Fall. Sie ist eine sehr interessante, inspirierende Regisseurin. Die „Zauberflöte“ ist eben ein kompliziertes Stück.

Auch die Klassikszene wurde von der #MeToo-Debatte erfasst. Vor Kurzem wurde Daniele Gatti aufgrund von Verdächtigungen seines Postens beim Concertgebouw Orchester enthoben. Geht die #MeToo-Bewegung zu weit?

Wir haben ein in der Verfassung verbürgtes Recht, das ist die Unschuldsvermutung. Ich bin für tiefgründige Recherche. Erst wenn sich Richter ein Bild gemacht haben, wenn Recht gesprochen wurde, kann man sagen, den können wir nicht mehr halten. Anonyme Postings in sozialen Medien dürfen nicht dieselbe Bedeutung haben wie Anschuldigungen, die jemand eidesstattlich vor Gericht abgelegt hat. Und was Gatti betrifft: Wie man gestern lesen konnte, gibt es vom Orchestre National de France (bei dem Gatti acht Jahre Chefdirigent war, Anm.) überhaupt keine Anhaltspunkte für ein Vergehen dieser Art.

James Levine wurde als Musikdirektor der New Yorker Metropolitan Opera entlassen. Was denken Sie über den Fall Levine?

Auf der ganzen Welt gibt es seit Jahrzehnten Gerüchte über Levine. Die Frage ist, warum wird erst jetzt so tief greifend recherchiert? Gibt es da nicht auch eine kollektive Mitschuld aller Managements in der Vergangenheit?

Kommen wir wieder auf Sie zu sprechen: Ihre Liedinterpretationen sind anders, als man es gewohnt ist. Das war auch beim Liederabend mit Markus Hinterhäuser zu hören. Warum?

Im Laufe der Jahre wurde der Respekt vor den Noten immer größer. Ich muss die Empfindung, die ich finden will, in Übereinstimmung mit dem Notentext bringen können. Stücke, in denen das gar zu weit entfernt ist, sollte man dann lieber nicht machen. Wie hat Markus Hinterhäuser die Festspiele verändert?

Markus Hinterhäuser steht für interessante, geistig, inhaltlich durchdrungene Programmgestaltung. Was ihm schon seit langer Zeit im Konzertprogramm gelungen ist, zeigt sich nun auch in Opern und Schauspiel. Die Ausgewogenheit des Festivals gibt jedem Zuschauer die Möglichkeit, etwas Interessantes für sich zu entdecken.

Zur Person

Matthias Goerne wurde 1967 als Sohn des späteren Dresdner Schauspieldirektors Dieter Goerne in Weimar geboren. Er studierte bei Dietrich Fischer-Dieskau und Elisabeth Schwarzkopf.  Der Bariton zählt zu den gefragtesten Sängern seines Fachs.

1996 debütierte er bei den Salzburger Festspielen in Bachs „Matthäus-Passion“ unter Franz Welser-Möst. 1997 war er Papageno in Mozarts „Zauberflöte“. Regie führte Achim Freyer.

Mit Markus Hinterhäuser am Klavier interpretierte er 2014 Franz Schuberts „Winterreise“ vor einem Animationsfilm von William Kentridge bei den Wiener Festwochen. Das Projekt geriet von Sydney bis Moskau zum Welterfolg.

In der Saison 2018/19 ist er Artist in Residence beim New York Philharmonic Orchestra. Goerne lebt in Berlin.