Metallene Dramatik im Musikverein: Zum Gedenken an Harnoncourt
Kostbar waren die oft launigen Einführungen, die Nikolaus Harnoncourt seinen Konzerten voranstellte. Er lehrte sein Publikum zuzuhören. Als er am 5. März 2016 starb, hinterließ er den Concentus Musicus, mit dem er dem Begriff „historisch informierte Aufführungspraxis“ eine andere Dimension verlieh. Darüber hinaus hatte er aber auch der Musikwelt etwas Unschätzbares geschenkt: seine Lehre, alles zu hinterfragen. Diese betrieb er mit einer Radikalität, die er auch an den Pulten anderer Orchester praktizierte. Damit polarisierte er nicht selten, aber immer wieder schuf er Ereignishaftes.
„Ein deutsches Requiem“ von Johannes Brahms mit den Wiener Philharmonikern war ein solches. Die Aufführung 2007 im Musikverein brannte sich tief in die Seele ein. Die Aufnahme mit dem Arnold Schoenberg Chor, Genia Kühmeier und Thomas Hampson, der mit unübertrefflicher Innigkeit sang, überwältigt noch heute.
Mit diesem Werk gedachte man Harnoncourt im Musikverein. Das klingt schlüssig, denn das Werk ist bekanntlich keine Totenmesse im herkömmlichen Sinn, sondern gilt als Trost für die Lebenden. Warum aber lediglich eine Notiz im Programmheft auf den Anlass hinwies, erschloss sich nicht. Nicht ganz klar war auch, welchen Weg Dirigent Stefan Gottfried, der seit Harnoncourts Tod dessen Amt am Pult des Concentus Musicus verwaltet, einschlug.
Der Wiener Singverein (Leitung: Martin Prinz) intonierte wortdeutlich, vokal ausgewogen, er ließ immer wieder Klangfarben durchschimmern, bildete aber einen seltsamen Kontrast zu den historischen Instrumenten. Sopranistin Nikola Hillebrand betörte mit ihrem klaren Sopran. Florian Boesch setzte auf eine metallene Dramatik. Gottfried zögerte den Applaus lange hinaus.
Kommentare