Neues Album von Robbie Williams: Einmal noch die enge Hose anziehen

US-ENTERTAINMENT-BETTER MAN-WILLIAMS
Egal, ob die Kinder uns heute dafür auslachen: Das neue Album „Britpop“ ist ein Nostalgietrip für all jene, die in den 1990ern eine gute Zeit hatten, und sich in erträglichen Dosen daran erinnern wollen.

Lasst mich euch unterhalten, sang Robbie Williams vor auch schon bald 30 Jahren. Und nun ja, inzwischen sind wir gemeinsam in jenem Alter angekommen, in dem es nicht mehr so sehr ums Unter- denn ums Erhalten geht – die Haarlinie, den Glauben daran, bis zur Pension zu arbeiten, und die Motivation dafür, nicht jeden Tag um 17.30 Uhr schlafen zu gehen, weil es eh schon egal ist. 

Diese Weiterfahrt in Richtung „Bald bekomme ich die ermäßigte Bahnkarte“ hinterlässt auch beim Ex-Bubenbandmitglied Williams manche emotionale Spur: Wir blieben früher doch auch die ganze Nacht wach, singt er auf seinem neuen Album „Britpop“ im Song „Spies“. Pardauz, wo ist die Zeit hin? Schlaflosigkeit war lustiger, als sie noch selbstgewählt war.

Es blinkt

Williams tut, was vor allem Männer in dieser Situation gerne tun: Sie reden sich ein, dass es früher besser war.

Er schlägt also mit seinem neuen Album, das eigentlich früher und dann später hätte erscheinen sollen, aber nun, auch schon egal, am Freitag überraschend auf den Markt gekommen ist, jedenfalls: Williams schlägt nun jenen Weg ein, den Männer eines gewissen Alters ganz von selbst finden, ohne jemanden, wie peinlich, nach der richtigen Richtung fragen zu müssen. Er setzt den Blinker in Richtung Nostalgie.

Es ist ja auch wahr: Als man Britpop das letzte Mal ernsthaft hören durfte, wurde man noch nicht von den eigenen Kindern dafür ausgelacht, wenn man enge Hosen getragen hat. Einfachere Zeiten, als Skinny Jeans noch ein Offenbarungseid der ansehnlichen, nicht der verzweifelten Art waren. Wobei, wird sich Herr Williams eventuell gedacht haben, auch heute noch gehen manche zu Oasis-Konzerten, ohne dafür die gerechte Strafe zu erhalten. Die Zeit ist wohl reif für ein Revival der 1990er-Jahre!

Dass das nicht die alleroriginellste Idee ist – die 90er sind schon seit einem Jahrzehnt zurück –, sei dem Herrn Williams verziehen. Der will ja auch nichts wiederbeleben außer die eigene Karriere, was ihm mit schöner Regelmäßigkeit vor jeder Konzerttournee gelingt. Also gibt er, mit seinem Gespür für die Lebenssituation seiner potenziellen Hörerinnen und Hörer, den Britpop-Fan: Es werden auf dem Album alle Klischees dieser Musik durch die Robbie-Williams-Formatradiomaschine gedreht.

Drei Minuten sind genug

Es gibt also kurze Songs mit auch nicht viel längeren Gedanken. Was auffällt: Es gibt auch ordentlich Energie, was vielleicht ein bisschen gegenläufig zum Hörer ist. Man kann sich an manchen Tagen die erste Nummer „Rocket“ wohl gleich mehrfach anhören, bevor man die Motivation gefunden hat, sich die Socken anzuziehen. 

Williams aber hüpft munter wie eh und je durch jene Art von Aufmerksamkeitsspannendefizit, das den Britpop auch damals schon bestimmt hat: Höchstens drei Minuten dürfen die Lieder dauern, hält er in dem Song fest, der „Morrissey“ heißt und wohl eine Würdigung selbigen Musikers ist, als dieser noch nicht auf wirrere Wege abgebogen war.

Wer also in den 1990ern eine gute Zeit hatte, wird sich hier vielleicht in verfälschten Erinnerungen baden können.

Die komische Veröffentlichungsgeschichte soll, spekuliert der Guardian, darin begründet sein, dass Williams zuerst der Oasis-Tour und dann Taylor Swift ausweichen wollte und nun in den faden Tagen des Jänners den geeigneten Moment erkannt habe, mit „Britpop“ Hoffnungen auf Platz eins in den Charts zu haben. Das ist jetzt nicht gerade ein Dokument von übergroßem Glauben an die Strahlkraft von „Britpop“.

Und auch wenn die Zeit einen wohl wieder eines Besseren belehren wird (wie bei den Skinny Jeans), vermisst man bei den ersten Hördurchgängen einen Song mit eigenständigem Hitpotenzial, der diesen Nostalgietrip zu einem lohnenden Unterfangen gemacht hätte. Zum Finale gibt es eine nachdenkliche Langsam-Version vom Opener „Rocket“. „Was für eine Zeit, am Leben zu sein“, singt er da. Ja, was für eine. Und damit sind nicht die 1990er gemeint.

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