Neues Album von Harry Styles: Requiem auf eine liebevollere Welt

Der allesumarmende Superstar des Gemeinsamen meldet sich mit "Kiss All the Time. Disco, Occasionally" zurück - in einer Welt, die sich weitergedreht hat.
Georg Leyrer
Neues Album von Harry Styles: Requiem auf eine liebevollere Welt

Es scheint zunehmend zweifelhaft, ob Gott, wie Faithless Ende der ach so optimistischen 1990er ausriefen, wirklich noch ein DJ ist; er scheint anderweitig beschäftigt. Aber zumindest war die Welt im Westen (wer erinnert sich an den?) eine Weile lang eine Disco: ein sicherer Ort für all jene, die einmal nicht normal und fad sein wollten. 

Vortänzer auf diesem "Komm wie du bist"-Tanzboden war für eine schöne Minute lang Harry Styles: Er füllte die davor vakante Stelle des popmusikalischen Allumarmers auf vorbildliche Weise. Mit freundlicher Miene und in der allermutigsten 70er-Jahre-Uniform des Androgynen versprühte er Nachrichten von Liebe, Freundlichkeit und selbstgewählter Identität. Sein ästhetisches Pronomen war "wir".

Da ist es natürlich einigermaßen blöd für ein neues Album, dass diese schöne neue Discowelt - danke für nichts, Internet - inzwischen fundamental kollabiert ist. So ist "Kiss All the Time. Disco, Occasionally" ein tolles Album geworden. Aber auch ein Requiem auf eine liebevollere Welt.

Das Mantra dieses Requiems lautet "We belong together". Styles ließ das auf Postern affichieren, auf Social Media verbreiten und zum Refrain des discostampfenden Auftaktssongs, "Aperture", werden. 

Wer hier mit wem zusammengehört, das ist natürlich offen. Und wenn man sehr bösartig ist, kann man den vermeintlich lieben Spruch ja auf den Kopf stellen - genauso funktioniert ja der rechtspopulistische "Volk"-Unsinn. 

Und, wie manch verärgerter Fan zuletzt angesichts absurder Ticketpreise feststellen musste, legt Styles diesem "Wir" durchaus Geldhürden vor. Wir, das sind die, die noch an Freiheit, Gleichheit und Weltoffenheit glauben - und eine Kreditkarte haben.

Aber wer in der Disco über soetwas nachdenkt, ist entweder mit den falschen Leuten dort oder hat zu wenig getrunken. Also lieber mit dem Kopf mitwippen beim sehr sinnbefreiten, aber supereingängigen "American Girls".

Oder in den freundlichen Stroboskopsounds von "Carla's Song" mitzappeln. 

Schließlich gibt es am Tanzboden keinen Unterschied zwischen Schweiß und Tränen, wie Styles in "Dance No More" zu Recht festhält.

Der ehemalige Boybandbub erfindet sich hier, mal wieder, neu: Die allerletzte Bastion im Rückzugsgefecht der Weltoffenheit nach dem Vibe Shift Richtung rechts ist schließlich die Disco, und so ist es kein Wunder, dass das ganze Album, in leichtem Widerspruch zum Titel, hier verortet ist.

Nach jahrzehntelanger Durchommerzialisierung darf man an dieser Stelle kurz daran erinnern, dass die Wurzeln der Disco von queeren Minderheiten gelegt wurden, um hier frei von den sozialen Miesheiten feiern zu können. Jetzt ist Styles zwar die Schöner-Mann-gewordene Mehrheitsgesellschaft per se. Aber pfeif drauf, die Freiheit in der Disco ist schon noch für eine Erinnerungsrunde gut.

Keine Tournee, ein Hofhalten

Dass die ein Erfolg wird, ist schon bei Erscheinen des Albums klar. Plattengeschäfte ("wer erinnert sich" Nummer 2) sperrten in England um Mitternacht auf. Denn Styles ist zumindest in der Köpfen der Popvermarkter immer noch das allerheißeste Ding seit - äh - One Direction. Seine Tour setzt, und man sagt das nach Taylor Swifts "Eras"-Triumph, erstaunliche Maßstäbe. Er tourt weniger, als dass er in strategisch ausgewählten Städten Hof hält - etwa bei 30 (!) Konzerten hintereinander in New York oder zwölf (!) Konzerten im Wembley-Stadion in London.

Nun ja, es könnte schlimmer sein für die Popwelt, als dass sie sich um Harry Styles dreht. Sympathisch ist, dass das Album nicht unbedingt auf Hit glattgebügelt ist (und die Texte zumindest beim ersten Hören derart unverständlich sind, dass man sich länger mit ihnen beschäftigen kann). Und ja, man hört das durchwegs gerne, und träumt dabei von einer Welt, die wieder zur Disco wird, in der Gott auflegt. Auch wenn dort die DJs, wie Styles singt, nicht mehr tanzen, sondern nur mehr sitzen.

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