© APA/AFP/SUZANNE CORDEIRO

Kultur
05/30/2019

Muse live in Graz: Rocken unter der Android-Klaue

Das Trio begeisterte in der Stadthalle mit fulminanter Show und leidenschaftlichem Spiel.

Noch zwanzig Minuten bis ein Musiker die Bühne betreten wird. Aber die „Simulation Theory“-Show von Muse hat schon begonnen: Während sich 14.500 Besucher in der ausverkauften Stadthalle in Graz ihren Platz suchen, schieben ein Dutzend Scheinwerfer-Türme im Publikumsbereich babyblaue und zuckerlrosa Lichtkegel über die Köpfe der Fans.

Das sind die Farben, mit denen Muse das Cover ihres jüngsten Albums „Simulation Theory“ gestaltet haben. Auch die Show haben Sänger Matt Bellamy, Drummer Dominic Howard und Bassist Chris Wolstenholme so genannt und wie das Cover ganz in der Ästhetik des 80er-Jahre-Futurismus ihrer Jugend gestaltet. Und dabei wird jetzt auch in der Grazer Stadthalle fett geklotzt.

 

Zehn Tänzer hat das Trio mitgebracht (Ja, richtig! Das klingt zwar nach einer Lady-Gaga-Kritik, bleibt aber die von Muse). Diese – sagen wir besser Akteure – wechseln fünf Mal die Sci-Fi-Rüstungs-Outfits, schlüpfen in Kampfanzüge und schießen mit Nebel-Kanonen. Sie hängen in Raumanzügen unter der Decke und schweben völlig losgelöst vor der LED-Wand. Sie hantieren mit Lichtstäben und nehmen niemals die verspiegelten Helme ab.

Dazu gibt es Metall-Riesen, Hebepodeste, blinkende Instrumente und Brillen und mit LED-Elementen besetzte Jacken für die Stars des Abends.

 

Aber das Schönste daran: Auch in dieser protzigen Fülle lenkt kein Showeffekt von der Musik ab. Das liegt einerseits daran, dass Muse die optische Opulenz gezielt bei den weniger bekannten Songs einsetzten. Andererseits an der Lichtshow im Publikumsbereich, die die Zuschauer auch später immer wieder in die Show einbindet. Vor allem aber liegt es an der Leidenschaft, mit der Muse loslegen.

Bellamy ist nicht nur als Songwriter und Gitarrist ein Spitzentalent, er ist auch ein herausragender Frontmann. Zwei Stunden lang powert er mit seiner Stimme in den höchsten Tönen und wird dabei immer nur noch kräftiger, noch ausdrucksstärker. Er lässt seine Gitarre mal wie Metallica, mal wie U2 klingen und holt so souverän wie sonst nur Jimi Hendrix Melodien aus Feedback-Geräuschen hervor. Zusätzlich zu all dem läuft er permanent von der Hauptbühne auf ein kleines Podest in der Mitte der Halle, taucht unter dieser Bühne ab, ganz wo anders wieder auf und spielt effektiv mit den Kameras, die das Live-Geschehen auf die LED-Wand projizieren.

 

Chris Wolstenholme steht ruhig da, lässt den Bass wummern und singt mehr denn je, während Dominic Howard variantenreiche Beats liefert. Die Songs von „Simulation Theory“ klingen hier härter, als auf der Platte. Aber „Uprising“ oder „Madness“ erinnern dann wieder an Depeche Mode.

„Dig Down“ spielen Muse in einer akustischen Gospel-Version – zusammengedrängt auf dem Podest in der Mitte der Halle mit Bellamy am Pianino. Es ist der Moment, der auch dem letzten Zweifler – sollte es einen geben – klar macht, dass diese Vollblutmusiker auch ohne Show-Bombast Gänsehaut-Feeling in jede Halle zaubern können. Auch Fan-Favoriten wie „Starlight“, „Time Is Running Out“ und „Hysteria“ beweisen das. Die zwar in den Rockversionen, aber auch ohne visuelles Spektakel.

 

Dann setzen Bellamy, Wolstenholme und Howard (Keyboarder Morgan Nicholls bleibt stets im Hintergrund) mit einem furiosen Medley, das in „Knights Of Cydonia“ mündet, zum Finale an. Als sich dabei auf der Bühne ein riesiger, aufblasbarer Android breit macht und bedrohlich die Dracula-Klaue schwingt, denken einige, jetzt haben Muse komplett den Plan verloren.

 

Aber die meisten grinsen, genießen den Moment und sehen bestätigt, was ihnen Luftballons, Konfetti und die  Musik schon den ganzen Abend gesagt haben: Muse haben diese Show bei all dem edel durchkonzipierten Styling auch mit viel Augenzwinkern  und Selbstironie gestaltet – so, dass der Spaß an der Sache niemals zu kurz kommt.