Tobias Moretti als Luis Trenker im neuen Film „Trenker – Der schmale Grat der Wahrheit“ (derzeit in den österreichischen Kinos zu sehen)

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Moretti über Trenker: "Wichtig, ihn zu mögen"
08/29/2015

Moretti über Trenker: "Wichtig, ihn zu mögen"

Tobias Moretti über den Bergsteiger Luis Trenker, über Asyl-Politik und Verführbarkeit von Künstlern

Tobias Moretti spielt Luis Trenker. Um dieses Wagnis in seiner ganzen Tragweite zu erfassen, muss man sich Trenker – den legendären Gipfelstürmer, Schauspieler, Filmemacher und Geschichtenerzähler – noch einmal vor Augen führen: Sein Ego und die Podeste, auf die er sich selbst gerne stellte, waren hoch wie das Matterhorn.

Er präsentierte sich als Abenteurer und Draufgänger, als einer, der überall sein Glück machte: In den Bergen und in Berlin, in Tirol und in New York, vor und hinter der Filmkamera, oder am Schreibtisch, beim (Er-)Finden seiner Geschichten. Die Gesamtauflage seiner Bücher ging in die Millionen.

Und vielleicht war es ein Glück, dass er als Architekt nicht auch noch Häuser bauen konnte, weil die Italiener sein österreichisches Diplom nicht anerkannten. Seine Gebäude hätten wahrscheinlich so ausgesehen wie seine Bücher und Filme: hemmungslos populär und auf fast aggressive Weise naturverbunden.

Unter der Regie von Wolfgang Murnberger ("Das ewige Leben") spielt Moretti den Trenker als überaus charmanten und schlagfertigen Geschichtenerzähler. Der Film "Trenker – Der schmale Grat der Wahrheit" erzählt von einem geplanten Coup des Extrem-Bergsteigers und Dampfplauderers: 1948 bietet Trenker (der von Nazigrößen protegiert wurde, sich aber als unpolitisch sah) einem Hollywoodagenten die Tagebücher der Eva Braun zur Verfilmung an. Die Regisseurin Leni Riefenstahl bestreitet deren Echtheit.

KURIER: Sie haben bereits einige umstrittene Persönlichkeiten verkörpert – u. a. den "Jud Süß"-Darsteller Ferdinand Marian und Adolf Hitler. Und jetzt die ambivalente Figur des Luis Trenker. Ist das Zufall oder entsprechen solche Rollen Ihrem Zugang zur Zeitgeschichte?

Tobias Moretti: Es gibt ja keine Rollen, auch in der Literatur, die nicht aufgrund ihrer Persönlichkeit und ihres Handelns für etwas stehen. Daraus ergibt sich automatisch ein Zugang zur jeweiligen Zeitgeschichte. Ich meine, Hitler ist wieder was anderes, aber Ferdinand Marian und Trenker haben schon eine gewisse Mentalitäts-Verwandtschaft. Nur ist es dem Trenker halt auch gelungen, wie selten jemandem, ganze Epochen zu durchschwimmen und am anderen Ende wieder trocken und mit sich im Reinen auf sein Leben zurückzuschauen.

Da man ja immer sagt, dass man aus der Geschichte lernen kann und soll – welche Erkenntnisse haben Sie speziell durch Ihre Darstellung von Luis Trenker gewonnen?

Das sagt man nicht nur, das ist so, aber nur für diejenigen, die wirklich reflektieren wollen – im Übrigen auch mit einem Blick nach vorne, wenn sich bestimmte Dinge wiederholen. Trenker war mir gar nicht so gegenwärtig als die Persönlichkeit, die er auch war. Um so einen Charakter zu fassen, muss man sich ja von der kritischen Distanz auch verabschieden und ihn mögen, sonst kann man dieses Kaleidoskop von einem Menschen gar nicht sichtbar machen.

Es geht im Trenker-Film unter anderem um die Verführbarkeit von Künstlern durch Macht. Diese Verführbarkeit liegt sicher unter anderem am Streben von Künstlern nach Anerkennung und auch an der Tatsache, dass Kunst Geld braucht, um sich (bzw. etwas) darzustellen. Wie gehen Sie mit dieser Verführbarkeit um?

Das stimmt, was Sie sagen, aber der Umkehrschluss ist ebenso ein Faktum: Zur Prostitution gehört einer, der sich verkauft, und einer, der kauft. Theater, Film – Sport würde ich auch dazurechnen – waren damals Propagandamedien par excellence. Heute mit den neuen Medien ist es nicht viel anders, aber die Karten sind anders gemischt. Manipulation funktioniert auch ohne Galionsfiguren, durch die Verselbstständigung.

Helfen Ihnen Rollen wie Marian und Trenker, die Verführungen zu erkennen und sich davor zu schützen?

Sie werfen ein Licht auf den Mechanismus. Ich glaube, dass man immer genau spürt, was man tut. Das heißt, man muss es bewusst ausblenden, wenn man es trotzdem tut. Es gibt viele moderate Formen des Selbstbetrugs.

Kunst ist ein Produkt der Zeit und damit auch der jeweiligen Gesellschaft. Glauben Sie, dass Kunst und Künstler unpolitisch sein können?

Es ist schwer, da muss man differenzieren: Es gibt einen Haufen Leute meines Berufsstandes, die unpolitisch sind. Andere wieder, die politisch zu sein scheinen, kalkulieren oft nur damit. Es gibt Kunstformen – wie Design –, die fast unpolitisch sind, weil es keine klare Zuordnung gibt. Künstler oder Schriftsteller – oder auch Regisseure – können sich aus politischen Dimensionen eigentlich gar nicht ausklinken, so kommt’s mir jedenfalls vor.

Sollten sich Künstler zur Asyl-Politik in Österreich und Europa zu Wort melden?

Sich zu deklarieren, ist da zu wenig. Unser Zugang ist derzeit ein ohnmächtiger, wir sind geschockt, und wir sind völlig ratlos. Vielleicht werden Zeiten auf uns zukommen, die uns in eine ungeahnte Situation bringen. Möglicherweise werden wir für unsere Gesellschaftsform, die auf einem humanistischen Weltbild beruht – auf Diskurs, Analyse und Meinungsfreiheit – in Zukunft kämpfen müssen. Die Situation in Frankreich zum Beispiel, die ich in diesem Sommer aus der Nähe erlebt habe, ist beängstigend.

Trenker kannte die Mächtigen, sagte aber, ein unpolitischer Mensch gewesen zu sein. War es Ihnen für die Darstellung seiner Figur wichtig, ihm das zu glauben – und ihn zu mögen?

Ihn zu mögen, war wichtig, sehr – ich habe mich lange davor gesträubt, weil ich ihm eben nicht glaube. Andererseits war er in seiner Behauptung sogar irgendwie authentisch, was mich unglaublich fasziniert hat. Er war eine Mischung aus Vision und Naivität, aus Utopie und Offensive – und Bauernschläue. Es war also wichtig, ihn zu mögen, ihn aber auch mit einer Ironie zu zeichnen, die man außerhalb von sich stellt und trotzdem mit allem würzt, was man zu bieten hat.

Trenker war Extrem-Bergsteiger und Sportler, und er war ohne Zweifel auch ein bemerkenswerter Filmemacher. Ist Ihnen die Figur irgendwie nahe?

Ja, sehr, natürlich. Aus den oben beschriebenen Gründen.

Spielen Sie generell lieber Menschen, mit denen Sie sich identifizieren können, oder lieber solche, die konträr zu Ihrer eigenen Persönlichkeit sind?

Eine der schwierigsten Auseinandersetzungen für einen Schauspieler ist es, Figuren spielen, die einem scheinbar so nahe sind, dass man glaubt, sie neben sich greifen zu können. Das kann eine unglaublich selbstgefällige Veranstaltung werden. Andererseits wieder, wenn eine Figur zu weit weg ist, kann es sein, dass man sie zu unbeteiligt, oder, besser gesagt: zu konstruiert darstellt. Wahrscheinlich liegt die Wahrheit in der Schnittmenge der gegenseitigen Provokation.

Von Gabriele Flossmann

Hitlers Geliebte am Hintern getätschelt

Luis Trenker (1892–1990) kannte Hitler, Göring, Goebbels und wurde von diversen Nazigrößen protegiert. Hitlers Geliebte Eva Braun hatte er, wie er in seinen Memoiren bekannte, beim Tanz den Hintern getätschelt. Regisseur Murnberger hat sich nun die schwierige Aufgabe gestellt, den Bergsteiger ins urbane Flachland des Kinos zu holen – und er hat dafür, um es gleich vorwegzunehmen, in seinem Hauptdarsteller Tobias Moretti einen idealen Partner gefunden.

Moretti spielt den Trenker als charmanten Geschichtenerzähler, der die Tagebücher von Eva Braun an Hollywood verkaufen will. Leni Riefenstahl, etwas zu exaltiert gespielt von der Salzburger Ex-"Buhlschaft" Brigitte Hobmeier, bezweifelt deren Echtheit und bringt Trenker vor Gericht – sie fühlt sich darin als G’spusi Adolf Hitlers verunglimpft. Trotz Nahverhältnis zu den Mächtigen seiner Zeit bezeichnete sich Trenker als unpolitischen Menschen. Eine Ausrede, die Murnberger zugunsten des Unterhaltungswerts seines Films nicht wirklich hinterfragt.

KURIER-Wertung:

INFO: "Luis Trenker – Der schmale Grat der Wahrheit". Drama. Ö/D 2015. 90 Min. Von Wolfgang Murnberger. Mit: Tobias Moretti, Brigitte Hobmeier.

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