Kultur
19.05.2018

Michel Faber: Höchstwertung für die Liebe

Man weiß nicht, wen man zuerst umarmen soll im Roman "Das Buch der seltsamen neuen Dinge".

Michel Faber schrieb den Roman, während seine Frau erkrankte und langsam an Krebs starb.
Sie bestand darauf, dass er weiterschrieb, wenigstens zehn Zeilen pro Tag; und las mit und war  etwas in Sorge, weil sich durch die Außerirdischen  ein falsches Publikum angesprochen fühlen könnte.
Egal, „Das Buch der seltsamen neuen Dinge“ ist  ein Höhepunkt des Bücherfrühlings 2018, bestimmt ...
Ein Pfarrer, Peter Leigh, reist  auf den Planeten Oasis, um die Aliens zu missionieren. Ruhigstellen soll er sie, damit  dort „oben“ für die Erdbewohner eine neue Welt hergerichtet werden kann.
Denn „unten“ geht alles vor die Hunde. Erdbeben, Vulkanausbrüche, Tsunami, Plünderungen, Chaos usw.
Peters Ehefrau, die bleiben musste und schwanger ist, ruft zu Recht: „Es gibt keinen Gott!“
... während  auf Oasis keiner mehr ohne Bibel – das ist „Das Buch der seltsamen neuen Dinge“ –  schlafen gehen mag. Jesus  wird verehrt. Peter wird verehrt.
Er und Bea schicken einander täglich Nachrichten. Die Kluft wird trotzdem groß. Allerdings sind Milliarden Kilometer nicht unbedingt  zu viel für die Liebe.
Michel Faber – gebürtiger Niederländer, der in England lebt – hat es erst beim Schreibens gemerkt: Oasis muss nicht im Weltall liegen.
Eine solche Distanz kann auch dadurch entstehen, dass einer der Partner sehr krank ist.

Der Autor steuert von den Sternen auf eine schreckliche, ansteckende  Traurigkeit zu, und das wird von Seite zu Seite schlimmer. Die  Oasier – interessant auch für Fantasy-Fans –  machen’s uns nicht erträglicher, denn sie sind im Gegensatz zu Menschen nicht in der Lage zur Regeneration, wenn sie sich verletzten.
Wie Fallobst verrotten sie.
Genug. Es ist unsinnig, das Gelesene hier mit ein paar Wörtern aufzuspießen. Die Expedition ist das aktuell größte Abenteuer, das man  im Buchhandel bekommt.
Vielleicht sollte man noch wissen, dass Faber nicht nur ein Liebender ist und ein Weltenerfinder: Er kann  über einen Außerirdischen schreiben, dieser habe eine Stimme „wie unterm Fuß zerquetschtes nasses Farnkraut“ ... und trotzdem fühlt man sich sogar  zu diesem Kerl hingezogen.
Das ist Zauberei. Das ist mächtige Literatur.


Michel Faber:
„Das Buch der seltsamen
neuen Dinge“
Übersetzt von
Malte Krutzsch.
Kein + Aber
Verlag.
688 Seiten.
25,70 Euro.

KURIER-Wertung: *****