Kultur 05.12.2011

"Michael": Das Böse des Banalen

Filmstarts: "Michael" ist ein bedrückend normaler Missbrauchstäter + In "Kill the Boss" wird getötet statt gekündigt + Verkrampfter Sex in "Naokos Lächeln"

Es sieht alles so normal aus: Das Reihenhaus, die Wohnzimmereinrichtung und der gebratene Leberkäse. Ein Mann und ein Kind beim Abendessen. Es könnten Vater und Sohn sein, die da so schweigend am Tisch sitzen und kauen - sind sie aber nicht.

Michael ist ein nach außen hin fader Versicherungsvertreter kurz vor dem Karrieresprung. Und Wolfgang ein entführtes Kind, das im Keller gefangen gehalten und missbraucht wird.
Markus Schleinzers Filmdebüt hat bei den Filmfestspielen in Cannes reüssiert und provoziert. Die Reaktionen pendelten sich zwischen Betroffenheit, Beklommenheit und Abscheu ein. Auch von skurrilem, schwarzem Humor war die Rede und der Frage: Darf man das?

Das Banale des Bösen und das Böse des Banalen

Schleinzer ist ein genauer Beobachter seines Täters - und interessiert sich in erster Linie für dessen Streben nach "Normalität". Lange Jahre war Schleinzer der Casting-Direktor von Michael Haneke, und dessen Einfluss ist in der Formgebung des Films spürbar. Es entfaltet sich eine Art Standard-Grammatik des österreichischen Autoren-Films - etwa, wenn er in starren, beinahe leblosen Bildern seine Objekte wie in einem Fischtank beobachtet: Wie bewegen sie sich, wie essen sie, wie putzen sie die Zähne?

Aber dann wirft Schleinzer eine Form der Spannungsdramaturgie über den Film, die die angestrebte "Normalität" von Michaels Leben an ihre Bruchstellen bringt.
Zu einer der herausragenden Szenen zählt Michaels Versuch, einen zweiten Knaben zu entführen. Am Rande einer Go-Kart-Bahn redet er kleine Buben an - und tatsächlich geht auch einer ein Stück mit. Erst in letzter Sekunde reißt die rufende Stimme des Vaters den Buben aus dem Bann des Verführers.

Abgesehen von der großen Erleichterung, die man empfindet, bleibt ein Gefühl der Irritation mit dem Vater zurück - denn diesen hört man im Hintergrund noch lange mit seinem Sohn schimpfen.

Das wirklich Interessante an Schleinzers Film ist nicht die Erklärung einer monströsen Psyche - das versucht er gar nicht. Auch nicht die klassische These vom Banalen des Bösen - denn auch davon hat man schon gehört.

Vielmehr geht es ihm um das perverse Bemühen des Täters, eine Form von Normalität zu imitieren - und mit dieser Imitation das Normale zu infizieren. Wenn dann plötzlich eine Nachbarin zu Michael sagt, ihre Mutter weine über eine entlaufene Katze mehr als über ein vermisstes Kind, dann wirkt dieser Satz plötzlich inakzeptabel. Auch die skurrile Komik, die sich etwa ergibt, wenn Michael einen Kübel Schneebälle in das Verlies des Buben wirft und hysterisch lacht, wirkt keineswegs verharmlosend. Es zeigt auch nicht nur das Banale des Bösen. Sondern auch das Böse des Banalen. - Alexandra Seibel

KURIER-Wertung: **** von *****

INFO: DRAMA, A 2011. 96 Min. Von Markus Schleinzer. Mit Thomas Fuith.

"Kill the Boss" - Drei Herren killen statt zu kündigen

Es ist keinerlei Risiko zu behaupten, dass "Kill the Boss" nicht die allerlustigste Komödie des Sommers ist (das ist nämlich "Bridesmaids"), aber zweifellos die allermörderischste.
Drei Herren im Angestellten-Dasein haben drei schreckliche Chefs bzw. Chefinnen und beschließen daher, diese um die Ecke zu bringen: Sie wollen killen statt kündigen.
Die Chefs sind mit einer (großartig selbstironischen) Jennifer Aniston als nymphomanische Zahnärztin, Kevin Spacey als machthungrigen Boss und Colin Farrell als amoralisch proletarischem Playboy und Firmenerbe spektakulär besetzt, wenn auch immer wieder etwas überzeichnet.

Die drei unter ihnen Leidenden sind es nicht - und das macht diese Komödie auch immer wieder ziemlich lustig. Sie, die Möchtegern-Mörder, schwächeln und menscheln; sind ein wenig tollpatschig, ein wenig feige, ein wenig selbstverliebt - und ja immer wieder ziemlich daneben. So versuchen sie etwa einmal, einen Killer zu engagieren - in einer Schwarzen-Bar im zwielichtigsten Viertel der Stadt.

Man händigt dem vermeintlichen Profi (großartig: Jamie Foxx) viel Geld aus, um am Ende draufzukommen, dass der zwar einmal im Gefängnis saß, aber nur, weil er illegal Filme runtergeladen hatte. "Man engagiert eben nicht einen als Killer, nur weil er schwarz ist."
Der Humor in "Kill the Boss" ist - wie es sich für Kumpelkino gehört - tiefergelegt und schwarz: Kokain, Urin, Sexisten - und Rassismuspointen und fast so gut wie in der hervorragenden US-TV-Serie "Breaking Bad", wo ein alternder Chemielehrer zum Drogendealer mutiert und patschert von Mord zu Mord taumelt. Auch Letzteres (auf DVD) sei hier hochgradig empfohlen. - Veronika Franz

KURIER-Wertung: **** von *****

INFO: KOMÖDIE, USA 2011. 98 Min. Von Seth Gordon. Mit Jason Bateman, Jennifer Aniston, Jamie Foxx, Colin Farrell.

"Die drei Musketiere 3D" - Nicht edel und gut, sondern versoffen

Die wohl absurdeste Frisur seines Lebens trägt Christoph Waltz als Kardinal Richelieu: Eine blonde Föhnwelle umspielt zart das Kinn des fiesen Würdenträgers und lässt diesen trotz der bösen Blicke, die er wirft, über alle Maßen lächerlich aussehen. Auch Milla Jovovich hat schon bessere Rollen gesehen als die der intriganten Lady De Winter: Ihre Hauptaufgabe besteht in erster Linie darin, bedeutungsvoll und ironisch die Augenbrauen hochzuziehen. Ironie ist überhaupt das Stichwort dieser aufgeblasenen, aber streckenweise recht unterhaltsamen Action-Kitsch-Unternehmung, die aus ihren eigenen Computer-Effekten kein Hehl mehr macht.

Die Stadt Paris sieht aus wie ein kleines, digitalisiertes Spielzeug-Städtchen - und das soll sie auch. Sie ist genauso unecht wie die Plastiksoldaten, die Richelieu auf dem Boden hin- und herschiebt. Die Musketiere selbst sind ebenfalls keine sonderlich edlen Gesellen, sondern verschlafene Trunkenbolde, die sich von Frauen aushalten lassen. Erst das Auftauchen eines jungen Musketiers bringt die Alten wieder ein wenig auf Vordermann - und dann kreuzen sich die Klingen in allen Lebenslagen. "Für Bernd" steht am Ende - für Bernd Eichinger. Ob dem das wohl gefallen hätte? - Alexandra Seibel

KURIER-Wertung: *** von *****

INFO: KOSTÜM, USA 2011. 110 Min. Von Paul W. S. Anderson. Mit Orlando Bloom, Logan Lerman.

"Naokos Lächeln" - Verkrampfter Sex im Sanatorium

Am Anfang sind sie noch glücklich: Watanabe und Kizuki und Naoko, Kizukis Freundin. Dann zerbricht die Idylle, angesiedelt im Tokio der Sechzigerjahre: Kizuki bringt sich um, der Student Watanabe und die süße Naoko können mit dem Verlust nicht umgehen. Wie wankende Strohhalme klammern sie sich aneinander. Suchen Liebe und finden nur ihre Traumata.

Still und poetisch, in malerische Bilder gehüllt, hat der Vietnamese Tran Anh Hung den Buchbestseller des japanischen Autors Haruki Murakami (im Originaltitel: "Norvegian Wood", angelehnt an den Beatles-Song) verfilmt. Ein schwieriges Unterfangen, ist doch Murakamis Prosa ein Feuerwerk an Gefühlen, das nur schwer in eine cineastische Sprache zu übersetzen ist.

So wirken viele Szenen - auch die Sexszenen - hölzern und seltsam kühl. Wenn Watanabe die depressive Naoko in der Nervenklinik hinter den sieben Bergen besucht und verführt, bleibt dem Betrachter davon nur ein Satz Naokos hängen: "Warum werde ich nicht feucht?"
Verstörend auch die absolute Regungslosigkeit in den Gesichtern der Protagonisten: Egal, was passiert, man darf es sich - Pflicht in Japan - nicht anmerken lassen. Ein trauriger Film, der an die Wucht des Buches nicht herankommt. - S. Lintl

KURIER-Wertung: *** von *****

INFO: DRAMA, JP 2010. 133 Min. Von Tran Anh Hung. Mit Rinko Kikuchi, Ken'ichi Matsuyama.

"Sommer in Orange" - Hippies, die Würstel verstecken

Als ob der Clash der preußischen und der süddeutschen Kultur nicht schon genug wäre: Eine Bhagwan-Kommune aus Berlin zieht in ein Bauernhaus in der bayerischen Provinz. Die Einwohner des Ortes Talbichl sind ob dieser skurrilen Gestalten, die halb nackt im Garten auf ihrem indischen Stein der Erleuchtung tanzen, ziemlich irritiert. Jo mei, da muss der erzkonservative Bürgermeister gleich einschreiten.

Markus H. Rosenmüllers Provinzposse ist schräg und deutlich witziger, als es die deutsche Mentalität normalerweise erlaubt. Auch wir Ösis steuern ein paar Lacher bei: Georg Friedrich als Vegan-Kostverächter, der in seinem Zimmer Würstel versteckt, ist einfach großartig. - S. Lintl

KURIER-Wertung: ****
von *****

INFO: KOMÖDIE, D 2011. 110 Min. Von Markus H. Rosenmüller. Mit Oliver Korittke, Brigitte Hobmeier.

( Kurier ) Erstellt am 05.12.2011