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Kultur
07/09/2019

Metastadt Festival-Premiere mit The 1975

Die Band um Sänger Matthew Healy konnte das Versprechen eines speziellen Abends nicht halten.

„Das ist ein spezieller Abend!“ Matthew Healy, Sänger von The 1975, steht auf der Bühne der Metastadt in Wien Donaustadt und erklärt seinem Publikum, was den Abend für ihn auszeichnet: Bis jetzt habe seine Band außerhalb Englands nur Festivals gespielt. Das sei ihr erstes Konzert als Hauptact seit ihr Album „A Brief Inquiry Into Online Realtionships“ veröffentlicht wurde, für das das Quartett einiges an Kritikerlob bekommen hat. 

In einen drastischen Anstieg an Besuchern hat sich das nicht übersetzt. Nur 3.500 sind zu dem Konzert gekommen, das gleichzeitig die Festival-Premiere in dem 5000 Leute fassenden ehemaligen Fabriksgelände der Metastadt ist - ein paar Hundert mehr, als 2017 bei The 1975 in der Arena waren. 

Auch das Ambiente in der Metastadt ähnelt dem Konzert von damals: Ziegelbauten und ein Schlot dominieren die Szene, umgeben zwei ineinander übergehende Höfe. Der erste ist eine Catering-Zone, die dem Motto der Veranstalter, mit den Shows die Achtsamkeit für einander und den Planeten zu fördern, Rechnung trägt.

 

Neben Standln für Burger und Wiener Fast Food gibt es auch Schnecken-Gerichte und Insektensnacks - samt Infos zu den künftigen Herausforderungen der Welternährung. Heurigentische und -bänke machen das Entspannen zwischen den Acts leicht, zumal die Metastadt heute nicht voll ist und jeder der will, einen Sitzplatz bekommt.

Nebenan auf dem Hof mit der Bühne ist ebenfalls viel Platz. Denn jetzt, wo nach The Japanese House und Two Door Cinema Club der Hauptact dran ist, drängt sich alles dicht vor der Bühne zusammen. Die Fans von The 1975 sind nach wie vor vorwiegend junge Mädchen. Sie wollen Healy von ganz, ganz nahe sehen. Einige haben sich dafür schon am Abend davor vor der Metastadt angestellt, Dutzende mehr dann ab dem frühen Morgen. 

In gewissem Sinne ist diese Hingabe an Healy verständlich: Der 30-jährige Brite, schaut gut aus, hat jede Menge Charisma, spricht offen über Sex, Drogen und seine Probleme mit beiden und spart weder in den Texten noch in Interviews mit kritischer Meinung zum Zeitgeschehen. Das macht anziehend, hebt ihn vom Gros der braven, glattgebügelten, nach sauberen Marketing-Gesetzen funktionierenden Pop-Acts ab. 

Was sich aber auch in der Metastadt wieder zeigt: Diese persönliche Eigenständigkeit spiegelt sich nicht in der Musik von The 1975, die Elektro-Pop, Stadien-Rock und R&B-Elemente zu einem flachen Einheitsbrei verkocht. Funkige Gitarren mischen sich mit Elektronik, mal kommt ein Saxofon dazu, dann wieder ein zusätzliches Keyboard. Alles sehr gut ausgeführt, aber insgesamt weder Fisch noch Fleisch: Ungeniert poppig sein wollen The 1975 nicht, kantig-originell Indie sein können sie nicht. 

Dieser Zweispalt zeigt sich auch in der Show: Bei manchen Songs dürfen sich wie bei Pop-Acts üblich zwei Tänzerinnen mit perfekten Choreografien abstrampeln. Aber bunt und glamourös aussehen, wie im Pop üblich, dürfen sie schon wieder nicht mehr: Sie tanzen in Jeans und weißen T-Shirts. Die hochtechnisierte Kulisse aus LED-Wänden zeigt manchmal kunstvoll verfremdete Videos, spielt effektiv mit edlen Schwarz-Weiß-Effekten. Und dann leuchtet sie wieder in den poppigsten blau, rosa und lila Farbtönen.

Das größte Manko des Konzertes ist aber das Fehlen von markanten, des Merkens würdigen Melodien und somit von emotionalen Highlights. 

Wie mit dem Beginn von „A Change Of Heart“ oder „UGH!“ gibt es immer wieder Ansätze für ein bisschen Würze im Einheitsbrei, einen Wechsel in der Dynamik und in der Atmosphäre. Doch spätestens beim Refrain ist das wie weggeblasen. So hat man schon nach 20 Minuten das Gefühl, diese melodische Wendung, diesen Rhythmus, diese Kombination von Sounds gerade vorhin schon gehört zu haben. Auch wenn Healy in seinen Texten authentisch bleibt und seine Gefühle offenlegt, transportiert die Musik so nicht viel Feeling.

Das zeigt in der Metastadt auch die Reaktion des hingebungsvollen Publikums: Wenn Healy tanzt, sich eine weiße Haube mit schwarzen Quasten aufsetzt, oder von der Inspiration für bestimmte Songs erzählt, erntet er mehr Gekreische, als für das Singen dieser Songs. Das ändert sich erst am Schluss bei den Hits „Sex“ und „The Sound“.  

Speziell war der Abend am Ende trotzdem nur für The 1975. Sie lieferten so ein typisches „Eh ganz nett“-Konzert, gegen das niemand etwas hat, das man aber am halben Heimweg von der Metastadt auch schon wieder vergessen hat. Aber gut, wirklich kurz ist dieser Heimweg ja nur für die wenigsten Wiener.