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Kultur
07/31/2012

Menschenkind - Von Toni Morrison

Toni Morrison zeigt, dass selbst nach dem Ende des Sezessionskrieges in Amerika die Wunden noch offen waren und sind.

Im November 2006 lächelte sie in Wien von vielen Plakaten, warmherzig, wach und nachdenklich: Toni Morrison. Im Rahmen der Aktion "Eine Stadt. Ein Buch" wurden 100.000 Exemplare ihres ersten Buches "Sehr blaue Augen" kostenlos in der Stadt verteilt. Weltweit bekannt wurde die afroamerikanische Autorin 1993 durch die Verleihung des Literatur-Nobelpreises. Sechs Jahre zuvor war ihr bis heute bekanntester Roman "Menschenkind" erschienen, im englischen Original unter dem Titel "Beloved". Dieses in Erinnerung bleibende Buch erzählt von den Folgen der Sklaverei, die nicht nur den Körper, sondern auch die Seele betreffen.

1873, wenige Jahre nach dem Amerikanischen Bürgerkrieg, lebt die ehemalige Sklavin Sethe in Cincinnati. Die Sklaverei ist abgeschafft, aber Diskriminierung und Rassentrennung bestehen weiterhin. Und in Hausnummer 124 der Bluestone Road, wo Sethe mit ihrer Tochter Denver wohnt, spukt es. Es ist der Geist ihrer eigenen Vergangenheit, der Sethe heimsucht, denn sie ist nicht nur Überlebende, sondern unfreiwillige Mörderin: 1856 war Sethe aus der Sklaverei geflohen, hatte sich selbst und ihre vier Kinder in den freien Staat Ohio gerettet. Als ein Trupp Sklavenjäger sie zu fangen drohte, beschloss die verzweifelte Sethe, sich selbst und ihre Kinder lieber zu töten, als erneut in Gefangenschaft zu geraten. Eine Tochter starb, die drei anderen Kinder überlebten: Denver, als scheue, ängstliche Frau, die beiden Söhne von der Familie distanziert. Und die getötete Tochter, auf deren Grabstein Sethe den Schriftzug "Menschenkind" anbringen ließ, irrt als Gespenst durch die Bluestone Road 124. Soweit die Ausgangslage des Romans, der nicht stringent erzählt wird, sondern sich durch Rückblenden und Wechsel der Figurenperspektive erschließt. Thematisiert werden nicht nur die Sklaverei, sondern auch die Beziehung von Mutter und Tochter, Massenpsychologie, Sexualität und die Macht unterdrückter Erinnerungen. Toni Morrison zeigt, dass selbst nach dem Ende des Sezessionskrieges in Amerika die Wunden noch offen waren und sind. Auch jene Generation, die die Sklaverei nicht mehr selbst erlebt hat, bleibt von dieser barbarischen Vergangenheit gezeichnet.

Die Grundidee des Romans basiert auf dem wahren Schicksal Margaret Garners (1834–1858), die tatsächlich keinen anderen Ausweg sah, als ihre zweijährige Tochter zu töten. Ein Verhängnis, das der Komponist Richard Danielpour in der 2005 aufgeführten Oper "Margaret Garner" vertonte. Das Textbuch dazu verfasste wiederum Toni Morrison. Morrison stammt aus einer afroamerikanischen Arbeiterfamilie, wurde in Ohio geboren, studierte englische Literatur und arbeitete als Verlagslektorin. Seit den 1950er-Jahren lehrte sie an unterschiedlichen Universitäten, zurzeit ist sie Professorin für Geisteswissenschaften an der Princeton University.

François Mitterrand nannte sie, als er sie 2010 zur Ritterin der französischen Ehrenlegion schlug, nicht zu Unrecht die "größte amerikanische Romanautorin ihrer Zeit". Das Buch "Menschenkind" liest sich nicht leicht – bleibt aber dennoch spannend: Die Zeitebenen und Figuren wechseln unvermittelt, nicht wenige Szenen sind schockierend brutal, die Sätze brechen ab, die Grammatik wird gebogen. Doch wirken all diese Stilmittel niemals gekünstelt, sondern schaffen eine unheimliche Atmosphäre, bauen einen verstörenden Käfig, aus dem man beim Lesen nicht entkommt. Toni Morrison formuliert es in ihrem Vorwort zu "Menschenkind" so: "Wer die seelische Innenansicht der Versklavung in Worte fassen will, darf die Grenzen der Sprache nicht achten."

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