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Kultur
07/31/2012

Mein Herz so weiß - Von Javier Marias

Erzählt wird von Juan und seiner Frau Luisa, die sich nach ihrer Heirat in der Alltagswelt bewähren müssen, aber auch von einem dunklen Familiengeheimnis.

Dieser Roman erschien in Spanien 1992. Die deutsche Ausgabe sollte ursprünglich bei Piper in München verlegt werden und wurde – nach dem Verkauf von Piper an die Bonnier Gruppe – aus dem Programm genommen. Es dauerte schließlich vier Jahre, bis der Verlag Klett- Cotta das Buch in deutscher Übersetzung herausbrachte. Sein Autor ist der 1951 in Madrid geborene Javier Marías, der von vielen als wichtigster Romancier Spaniens gefeiert wird. Mit "Mein Herz so weiß" legte er – nach einer Vielzahl von journalistischen Texten, Übersetzungen, Romanen und Kurzgeschichten – ein außergewöhnliches Bravourstück vor, das ihm weltweiten Ruhm einbrachte. So schwärmte der sonst mit Lob knausernde Marcel Reich-Ranicki: "Begeistert bin ich von diesem Marías, ich glaube, das ist einer der größten im Augenblick lebenden Schriftsteller der Welt." Prompt löste der damals in der Fernsehsendung "Literarisches Quartett" ausgebrachte Jubel ein Publikumswunder aus: Nach der Ausstrahlung waren rasch 80.000 Exemplare der deutschen Auflage verkauft, fast die Hälfte der spanischen Gesamtzahlen – Marías selbst sprach von einem "Lotterie-Hauptgewinn".

Erzählt wird von Juan und seiner Frau Luisa, die sich nach ihrer Heirat in der Alltagswelt bewähren müssen, aber auch von einem dunklen Familiengeheimnis. Die erste Frau von Juans Vater beging Selbstmord, und der Jungvermählte beginnt Stück um Stück, Gespräch um Gespräch, die wahren Hintergründe dieser Tragödie zu verstehen. Die Komposition des Textes ist dabei so kunstvoll wie komplex: Ineinander verschachtelte Rückblenden, eingefügte Reflexionen, oft nur passiv wiedergegebene Dialoge – all das führt zu einem fast musikalischen Wortgefüge. Das gemächliche Tempo und der ruhige Duktus des Ich-Erzählers Juan sind nicht immer leicht zu lesen: Da kann es schon passieren, dass eine kleine, in Realzeit höchstens fünf Minuten dauernde Begebenheit über zwanzig, dreißig Seiten erzählt wird. Aber wer sich auf Marías Umwege einlässt, wird mehr als entschädigt: Faszinierende Sätze ("Die Ohren haben keine Lider, die sich instinktiv vor dem Ausgesprochenen schließen können") und großartige Szenen finden sich immer wieder. Beeindruckend schon der Einstieg: Die Ehefrau von Juans Vater erschießt sich, er taumelt zu ihr, hat aber noch den letzten Bissen einer Mahlzeit im Mund, weiß nun nicht, wohin damit, schlucken kann er nicht, ausspucken auch nicht, gequält schiebt er den Speisebrocken im Mund hin und her.

Auch Humor blitzt in "Mein Herz so weiß" immer wieder auf: Unvergessen jene herrliche Szene, in der Juan seinen Beruf als Dolmetscher in einem privaten Gespräch zwischen dem spanischen Premierminister und Margaret Thatcher ausübt. Die beiden Staatsoberhäupter langweilen sich sichtlich, und so übersetzt Juan die harmlose Frage nach einer Tasse Tee mit: "Sagen Sie, liebt man Sie eigentlich in Ihrem Land?" Das anschließende, von Juan sanft gelenkte Gespräch, trägt viel zur Völkerverständigung bei ...

Javier Marías lebte mehrere Jahre in Barcelona, unterrichtete von 1983 bis 1986 spanische Literatur in Oxford und arbeitete danach ein Jahr lang in Venedig. Seit 1987 ist Madrid wieder sein Lebensmittelpunkt: Er lehrt Literatur und Übersetzung an der dortigen Universität. Auch seine späteren Romane wie "Schwarzer Rücken der Zeit" von 1998 oder die in den Jahren 2002 bis 2007 erschienene Trilogie "Dein Gesicht morgen" zeigen den Autor als virtuosen Sprachkünstler, der sich immer wieder mit der Macht der Wörter beschäftigt, mit der brutalen Kraft von Reden – oder Schweigen.

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