Kultur
20.09.2014

Wer nicht mehr schlafen will, trinkt Wasser

"Mehr als wir sind" von Jürgen Neffe: Ein Gedankenexperiment.

Zwei und zwei ist vier. Eins und drei auch. Ist das dieselbe Vier oder eine andere?" hat der Bub seine Großmutter gefragt, und daran sieht man gleich: Aus dem Kleinen wird etwas!

Ein Eigenbrötler.

Er wird später ein Wässerchen herstellen, das die Menschen nimmermehr müde macht.

So wird der Roman "Mehr als wir sind" vom Verlag beworben: Was wäre, wenn wir nicht schlafen müssten?

Und da könnte man doch durchaus meinen, der Berliner Jürgen Neffe erzähle, wie alle Restaurants in der Nacht offen haben und die Leute dicker und dicker werden.

Wie die Philharmoniker um drei Uhr in der Früh zu Beethoven bitten. Wie Kinder rund um die Uhr an den Nerven rütteln. Und Regierungen unermüdlich für eine bessere Welt arbeiten.

Sowieso.

Aber darum kümmert sich der Autor wenig. Deshalb könnte jemand enttäuscht sein. Oder froh, weil man das alles selbst durchdenken kann und dafür keinen Jürgen Neffe braucht.

Lüge ist Pflicht

Neffe ist Wissenschaftsjournalist. Zuletzt reiste er sieben Monate rund um den Globus, um die Biografie von Charles Darwin inkl. Geschichte der Evolutionstheorie zu schreiben ("Darwin", 2008, Verlag C. Bertelsmann).

Großartiges Buch.

Auch seine Einstein-Bio ist sehr gelobt worden.

Logische Folge: Auch im ersten Roman ist der 57-Jährige als Biograf unterwegs, immer an Sigmund Freuds Satz denkend:

"Wer Biograf ist, verpflichtet sich zur Lüge ... denn die biografische Wahrheit ist nicht zu haben, und wenn man sie hätte, wäre sie nicht zu gebrauchen."

Der Erzähler von "Mehr als wir sind" lebt in einem fernen Jahrhundert und erforscht Handschriften aus unserer Zeit – Zettel, Kochrezepte, Tagebücher. (Denn später wird kein Mensch mehr einen Kugelschreiber in der Hand halten wollen.)

Er findet einen interessanten Schulaufsatz eines gewissen Coppki – richtig, das ist der Bub mit der Vierer-Frage zu Beginn – und steigt mit professioneller Lüsternheit in dessen Biografie.

So erfahren wir von Coppkis Elixier, das nicht nur unermüdlich macht, sondern frisch, jugendlich, optimistisch.

Und bald ahnen wir, das "Wässerchen" ist bloß Wasser. Aber Millionen glauben an die Wirkung, und dann geht es. Könnte man vielleicht einen Schluck nehmen, und es gibt keinen Tod?

Es ist sehr viel, was uns Jürgen Neffe mitgibt. Man braucht für sein kluges Gedankenexperiment volle Konzentration. Und ein volles Wasserglas.

KURIER-Wertung:

INFO: Jürgen Neffe: „Mehr als wir sind“ Bertelsmann Verlag. 416 Seiten. 20,60 Euro.