Speaker der Matinée: Gujer (NZZ), Kall (Zeit), Kueng (Uni Oxford), Pramstaller (SZ), Mair (VÖZ)

© Katharina Schiffl

Kultur Medien
06/27/2019

"Es geht nicht um Print oder Digital, sondern um Qualitätsjournalismus"

Das Verhältnis des Journalismus zu seinen Konsumenten wurde bei der Zeitungsmatinee des Verbands Österreichischer Zeitungen diskutiert.

Die Medien müssten noch mehr auf die Bedürfnisse der Konsumenten eingehen, waren sich die prominenten Vortragenden bei der Zeitungsmatinee des Verbands Österreichischer Zeitungen (VÖZ) am Donnerstag einig. Ein großes Thema war zudem der Umgang mit Leserdaten.

"Vertrauen ist die Grundlage für kommerziellen Erfolg", konstatierte Gujer. Er hielt ein Plädoyer dafür, mehr auf die Wünsche der Leser einzugehen. Die Digitalisierung biete die Möglichkeit, zu messen, welche Inhalte die Kunden tatsächlich konsumieren. "Wir können also erstmals sehr genau auf die Bedürfnisse unserer Leser eingehen", sagte Gujer.

Viele Medien ignorierten diese Daten allerdings, kritisierte er und wandte sich gegen den "Vollständigkeitswahn". Nicht genutzte Inhalte zu reduzieren, bringe einen Effizienzgewinn und verbessere gleichzeitig das Produkt. Die NZZ habe daher das Projekt "Zehn Prozent weniger sind zehn Prozent mehr" gestartet, also weniger Inhalte und dafür mehr Zeit für die Recherche und digitale Aufbereitung. Längere hintergründigere Texte würden etwa bei der NZZ mehr gelesen als kurze faktische Stücke.

Wachstumsmotor

In die selbe Kerbe schlug Nils von der Kall, Leiter von Marketing und Vertrieb bei "Der Zeit". Auch er plädierte für die Konzentration auf den Inhalt. "Dass ausgerechnet 'Die Zeit', eine traditionelle Wochenzeitung gut durch diesen Sturm kommt, ist erstaunlich, auch für uns selbst", sagte Von der Kall. "Ich glaube, wir haben diese Phase überwunden, es geht zunehmend nicht mehr um Print oder Digital, sondern um Qualitätsjournalismus." Denn dafür seien die Abonnenten bereit zu zahlen.

Die Abozahlen der "Zeit" steigen, entscheidender Wachstumsmotor sei die digitale Auflage. Fast 300 Euro kostet ein Jahresabo, wobei man für das Digitalabo genauso viel wie für die Printausgabe bezahlt. "Das Produkt ist der Journalismus und nicht das Format", betonte Von der Kall. Auch er plädierte für eine starke Einbindung der Leser und verwies auf das Leserprogramm "Freunde der Zeit", bei der die Wochenzeitung bei Veranstaltungen in direkten Kontakt mit ihren Lesern tritt.

Daten als Orientierungspunkte

Christopher Pramstaller, Audience Editor bei der "Süddeutschen Zeitung" warnte davor, "das Primat der Daten" über alles zu stellen, denn das könne dazu führen, "dass auf Führungsebene eine extreme Scheu existiert, seinem Bauchgefühl zu vertrauen und kreative Ideen anzugehen". Er plädierte dafür, sich tief gehend und langfristig mit Leserdaten auseinanderzusetzen, also etwa quartalsweise zu untersuchen, welche Inhalte funktionieren und welche nicht, anstatt auf Live-Dashboards zu setzen. "Man misst oft das Einfache und nicht das Richtige", so Pramstaller. "Die Seitenaufrufe und die Visits sagen nichts darüber aus, wie intensiv sich der Leser mit dem Inhalt auseinandergesetzt hat, wie relevant der Inhalt war."

Zum Abschluss berichtete Lucy Kueng, unter anderem Professorin für Medieninnovationen an der Universität Oslo, aus ihrem Report "Going Digital". Ihr Rat für Führungspersonen von Medienunternehmen im seit knapp zwei Jahrzehnten dauernden Strukturwandel ist es, sich auf eine klare Strategie festzulegen, diese auch zu verfolgen und im Unternehmen unaufhörlich zu kommunizieren. Auch der Austausch mit anderen Unternehmen, die ähnliche Herausforderungen zu bestehen haben, sei von großer Bedeutung.

Unabhängigkeit und Glaubwürdigkeit seien die Existenzsicherung für den Journalismus, hatte VÖZ-Präsident Markus Mair zum Auftakt der Veranstaltung gemeint. In den innenpolitisch turbulenten vergangenen Wochen habe die österreichische Medienlandschaft gezeigt, wie verantwortungsbewusst sie mit dem Thema umgegangen sei.