Filmfortsetzung aus der Ukraine: Verführerische Nixe

Live-Action-Fortsetzung des erfolgreichen ukrainischen Animationsfilms „Mavka - Hüterin des Waldes“.
Mythisches Wesen aus der Ukraine.

Von Gabriele Flossmann

Als „Mavka – Hüterin des Waldes“ vor drei Jahren bei uns ins Kino kam, war an eine Fortsetzung nicht zu denken. Denn der damals erfolgreichste Animationsfilm – nicht nur der Ukraine – konnte nach Ausbruch des russischen Aggressionskriegs gegen die Ukraine nur unter schwierigsten Bedingungen fertiggestellt werden. Nun ist sie doch da, die Fortsetzung. Nicht als Animation, sondern als Live-Action-Abenteuer. Wohl kriegsbedingt, muss man leider hinzufügen. Denn viele der Animateure mussten fliehen oder wurden in den Kampf eingezogen.

Dafür behauptet der Realfilm jetzt, die „wahre Legende“ zu erzählen. Inhaltlich ähneln die Filme einander, künstlerisch und in ihrer vermittelten Botschaft trennen sie Welten. Was beide Filme für Zuschauer interessant macht, die in der ukrainischen Mythologie nicht bewandert sind, ist die Begegnung mit allen Fabelwesen, die in der Ukraine bis heute präsent sind.

So wird Mavka als unglaublich schönes, verspieltes Mädchen geschildert, das durch ihren frühen Tod zwischen der physischen und der paranormalen Welt gefangen ist. Der Legende nach lebt sie in den Bergen und Wäldern, hat grünes Haar und einen freien Rücken, unter dem ihre inneren Organe sichtbar sind.

War die Titelheldin des Animationsabenteuers noch eine herzensgute Seele, die Menschen kein Haar krümmen wollte, wenn sie den von ihr gehüteten Wald und die Natur respektierten, so geht es in der als Realfilm gestalteten Fortsetzung deutlich düsterer zu. Denn die grüne Fee lebt hier ihre dunkle Vergangenheit aus.

Mavka ist nicht länger die Hüterin des Waldes, sondern vergleichbar mit einer Meerjungfrau wie in Hans Christian Andersens Märchen oder einer Nixe wie Loreley. Eine ätherische Schönheit, die alle vier Jahre Menschen – vorwiegend Männer – zu sich ins Wasser lockt. In den nassen Tod. Die erzählerischen Mittel, die das Hier und Heute mit den alten Mythen und Legenden verbinden sollen, sind eher simpel gestrickt: Unter Anleitung ihres Hochschulprofessors reist eine Gruppe Studierender in einen Wald, um die Natur zu erforschen. Dort treffen sie auf eine abergläubische Ladenbesitzerin, esoterisch angehauchte Aussteigerinnen, gewaltbereite Jäger und eben jene verführerischen Nymphen rund um die Titelheldin Mavka. Und ausgerechnet sie verliebt sich in einen der Studierenden, dessen Wesen so schön ist wie sein Äußeres. Wer wessen Verhängnis wird, kann man als Kinogeher beobachten.

Mit der Rückbesinnung auf die dunkle Seite der Naturgeister geht der Realfilm jedenfalls wesentlich tiefer in die ukrainische Mythologie. Er richtet sich also nicht mehr an kindliche Gemüter, sondern an ein reiferes, merklich älteres Publikum. Wo „Die Hüterin des Waldes“ zumindest mit stimmungsvollen Animationen aufwarten konnte, enttäuscht „Die wahre Legende“ visuell. Aber die schauspielerischen Leistungen sind solide und die Botschaft des Films ist in Zeiten des Krieges zumindest aufhellend: Zumindest die Liebe kann am Ende siegen.

INFO: Ukraine 2015. 92 Min. Von Katya Tsaryk. Mit Arina Bocharova.

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