Kultur
08.06.2018

Martha Wilson: Ein Feminismus voller Gelächter

Eine Schau im Kunstraum NÖ präsentiert das Werk der US-Künstlerin, die Repression stets mit Humor begegnete

Vielleicht haben Sie schon einmal den Begriff „Power Posing“ gehört. Unter diesem Schlagwort vermarktet die US-Wissenschafterin Amy Cuddy ihre in einer Harvard-Studie erlangte Erkenntnis, wonach bestimmte, ausladende Gesten das eigene Machtgefühl erhöhen, während andere, introvertierte Haltungen es mindern. Dieser Umstand – den Cuddy jüngst mit einer Folge-Studie untermauerte – hat freilich einen Geschlechter-Aspekt, denn meist sind es Männer, die sich etwa breitbeinig hinsetzen („manspreading“) oder die Füße auf den Tisch legen.

Avantgardistin

Die Kunst hatte bei der Analyse solcher Phänomene wieder einmal die Nase vorn, und Martha Wilson (70) ist dabei als Avantgardistin ersten Ranges zu nennen. Der Kunstraum Niederösterreich richtet der US-Künstlerin nun nun eine kompakte, dichte Werkschau aus (bis 28. 7.). Kuratiert wurde diese von Felicitas Thun-Hohenstein, die auch für den Biennale-Beitrag einer anderen feministischen Avantgardistin, Renate Bertlmann, 2019 in Venedig zuständig ist.

Mit dem „Power Posing“ begann Wilson bereits in den frühen 1970er Jahren: Sie inszenierte sich etwa in einer Fotoserie abwechselnd als Hausfrau, Kampflesbe, Hippie-Frau oder Businesslady, um herauszufinden, dass ihr keine dieser Rollen so ganz passte und ihr nichts anderes übrig blieb, als Künstlerin zu sein. Sie schlüpfte gemeinsam mit fünf anderen Frauen in die Rolle einer imaginären Luxuslady namens „Claudia“ und dokumentierte fotografisch, welche Ästhetik – Pelzmäntel, High Heels, lackierte Fingernägel – diesen Frauentyp definiert.

Organisatorin

Wilsons Praxis erinnert manchmal an die – heute ungleich prominentere – Cindy Sherman. Doch während deren inszenierte Fotos mit der Zeit immer glamouröser – und verkäuflicher – wurden, war Wilson stets auch organisatorisch in der Kunstszene aktiv. Dies ist die zweite Gehirnhälfte, auf die der Ausstellungstitel „The Two Halves of Martha Wilson’s Brain“ anspielt.

Wilson begründete 1976 den Buchladen und KunstraumFranklin Furnace“ , der zur einer Keimzelle der Performance-Szene wurde: Wie eine Auswahl von Plakaten und Dokumenten zeigt, hatten zahlreiche große Namen – darunter Shirin Neshat, Annie Sprinkle, Barbara Kruger und auch Cindy Sherman – erste Auftritte in dem Raum oder verkehrten dort. Darbietungen von Wilsons eigener A-cappella-Punk-Gruppe „Dis-Band“, die auf grobem Video dokumentiert sind, geben in der Schau einen Eindruck vom Underground-Feeling jener Zeit.

Heute besteht „Franklin Furnace“ als Fördereinrichtung für junge Performance-Künstlerinnen weiter. Und auch Wilson, die ihre Gehirnhälften in unterschiedlich gefärbten Haaren offenbart, hörte nie mit ihrem subversiven Mummenschanz auf.

Die Präsidentengattin und -mutter Barbara Bush regten sie ebenso zu satirischen Nachahmungen an wie zuletzt Melania Trump oder der amtierende Präsident selbst: Wilsons Performance mit Perücke fand 2017 im „öffentlichen Raum“ des Trump-Towers statt. Der Bautycoon hatte diesen im 5. Stock eingeplant, um den Wolkenkratzer höher bauen zu dürfen.