Kultur
05.12.2011

Marshall McLuhan: Philosoph und Popstar

Marshall McLuhan, einst Popstar der Medientheorie, wäre am 19. Juli 100 Jahre alt geworden. Eine Biografie von Douglas Coupland erklärt seine Relevanz heute.

Es gab nicht wenige, die ihn für einen Knallkopf hielten: Der Anglistikprofessor aus Toronto, der lange Zeit obskure Renaissance-Poeten studiert hatte und in den 1960er-Jahren mit hochtrabenden Zukunfts-Szenarien eines neuen Medien-Zeitalters aufhorchen ließ, war vielen akademischen Kollegen suspekt. Dass Marshall McLuhan es 1967 als "meistdiskutierter Intellektueller" auf die Titelseite von Newsweek schaffte und vor Scharen ergebener Fans Vorträge hielt, förderte seinen Status in der Nachwelt auch nicht unbedingt: Rückblickend ist es leicht, den 1980 Verstorbenen als Rock'n'Roll-Modephilosophen abzutun.

Douglas Coupland, Autor von "Generation X" und der neuen Biografie McLuhans, sperrt sich gegen diese Sichtweise. Für ihn lieferte McLuhan die beste Analyse der heutigen Welt, in der elektronische Medien alle Zeitunterschiede und Distanzen verschwimmen lassen. McLuhan sei wichtiger denn je, "weil er das alles schon vor langer Zeit hat kommen sehen und weil er er die Ursachen erkannt hat".

"Das Medium ist die Botschaft"

McLuhans Thesen werden gern auf Slogans reduziert: Der Satz "Das Medium ist die Botschaft" ist ebenso ins populäre Bewusstsein eingegangen wie der Begriff vom "globalen Dorf". Tatsächlich ist McLuhans Medientheorie äußerst vielschichtig und bisweilen schwer entzifferbar (was die Kult-Aura des Professors freilich nur noch stärkte).

Der Begriff "Medien" ist bei McLuhan nicht auf TV-Geräte, Radios etc. beschränkt: Medien sind für ihn "Erweiterungen des Menschen", ein Rad ist als verlängerter Fuß ebenso ein "Medium" wie ein Haus als Erweiterung der menschlichen Haut. Je nachdem, welcher Medien bzw. Werkzeuge wir uns bedienen, ändert sich auch unsere sinnliche Wahrnehmung und unser Verhältnis zur Welt.

Entgegen der vielfachen Wahrnehmung als Pop-Philosoph war McLuhan kein Fan, sondern "eher eine Kassandra des neuen Medienzeitalters", wie es der Wiener Philosoph Frank Hartmann formulierte. Dennoch erkannte der Theoretiker die Notwendigkeit, die Medienwelt zu erforschen, nicht zuletzt, um die Werte der Schriftkultur zu erhalten.

Auch die Vision vom "globalen Dorf", in der McLuhans Gedanken zur medialen Bewusstseins-Vernetzung mündeten, war keineswegs positiv besetzt. "Ich nehme an, er wäre entsetzt darüber gewesen, in so vieler Hinsicht richtig gelegen zu haben", schreibt Biograf Coupland. "Und auch wahnsinnig froh, in der Ewigkeit zu leben statt in unserer weltlichen Zukunft."