Kultur
25.11.2018

Marietta Deix über verstorbenen Mann: "Kurz wäre ihm zu fad"

Manfred Deix (1949–2016). Ein „Jubelband“ erinnert an den großen österreichischen Karikaturisten. Marietta Deix im Interview.

Der Weg zur „Deix-Villa“ in Weidling-Klosterneuburg, die von Weitem wie ein verwunschenes Prinzessinenschloss wirkt, ist steil und steinig wie eh und je. An der Tür zu seinem Atelier prangt noch immer ein Jux-Schild in Goldlettern auf edlem schwarzen Grund: „Bank Austro-Polkski“. Der Schreibtisch mit dem imposanten Apple-Schirm wirkt, als hätte er ihn gerade verlassen, um sich für ein paar Stunden hinzulegen.

Manfred Deix, Ausnahmekünstler und einer das Selbstbild Österreichs prägendsten Zeitgenossen, ist vor zweieinhalb Jahren in den Armen seiner Frau in diesem Haus für immer gegangen. Aus Anlass seines 70. Geburtstages Anfang 2019 liegt jetzt ein 300-Seiten „Jubelband“ druckfrisch in den Buchhandlungen – mit rund 250 Deix-Zeichnungen, Original-Fotos und Würdigungen prominenter Weggefährten und Freunde.

Christoph Ransmayr – heute genialer Reise-Literat, damals noch schüchterner Student, der gerade vom Land in die Stadt gezogen war – , schreibt etwa über seine erste zufällige Begegnung in den 1970er-Jahren mit Deix im Kleinen Cafe, die in einem Rot-Wein- und Lach-Gelage endete. Titel: „First Laugh“. Lukas Resetarits berichtet, wie er Deix stundenlang von „miterlebten Schlägereien zwischen Kriegsinvaliden im Tröpferlband, die sich mit ihren Arm- und Beinstümpfen niederprügelten“ oder „von einem mopedfahrenden Zwerg mit Bodybuilderfigur in Floridsdorf“ erzählte – „So hab ich mich um mein Leben geredet, aber er hat gezeichnet – und wie! “ Im KURIER-Interview spricht Marietta Deix über ihr Leben mit dem Künstler, seine überraschenden Freundschaften und was von ihm bleibt.

KURIER: Frau Deix, Manfred Deix ist zwei Jahre nach seinem Tod offenbar immer noch top-aktuell. Dieser Tage erscheint bereits der zweite Band mit vielen neuen unbekannten Zeichnungen. Was macht ihn so zeitlos?

Marietta Deix: Ich glaube, weil es bis jetzt noch keinen wirklichen Nachfolger gibt. Viele sind technisch perfekt, aber es fehlt das, was eine deutsche Zeitung einmal so beschrieben hat: ‚Die Arbeiten von Deix kann man auch riechen.‘ Gefallen haben dem Manfred internationale bekannte Zeichner wie Robert Crumb, Carl Barks, Gottfried Helnwein. Heute würde ihm auch Tom Fluharty, Jan Op de Beeck und Thierry Coquelet sehr gefallen.

Nach welchen Kriterien haben Sie aus den Tausenden Zeichnungen, die er hinterlassen hat, die 250 für den „ Jubelband“ ausgewählt?

Ich habe gemeinsam mit den Grafikern, mit denen Manfred die letzten fünfzehn Jahre zusammengearbeitet hat, die besten ausgewählt. Aber wir mussten viele weglassen. Ich könnte locker noch drei Bücher machen.

Sehr persönlich gehalten sind die vielen Texte über Deix in diesem Buch. Etwa von André Heller, Peter Turinni, Elfriede Jelinek, Lukas Resetarits, Klaus Albrecht Schröder ...

... und auch wenn er nur einen Satz geschrieben hat: Niki Lauda.

Der gesellige Deix und der einsilbige Lauda, wie passt das zusammen?

Die beiden haben nicht nur das exakt gleiche Geburtsdatum. Sie haben sich auch irrsinnig gut verstanden. Der Lauda ist auf den Manfred gestanden und der Manfred auf ihn. Und sie haben auch lustige Sachen gemacht: Vor zehn Jahren hat der Lauda den Manfred auf einen Flug nach Innsbruck eingeladen. Beim Einsteigen hat der Manfred mit der Kapitänsmütze vom Lauda allen Passagieren die Hand gegeben. Einer hat sofort gesagt: Der Deix fliegt uns heute? Der ist doch dauernd fett.

Was viele Leute bis heute verwundert ist auch die Freundschaft zwischen Manfred Deix und Erwin Pröll ...

... die war einzigartig ...

Wie kam es zu dieser ungewöhnlichen Beziehungen zwischen dem radikalen Zeichner und dem bürgerlichen Politiker?

Es gab im Jahr 2000 so ein Techtelmechtel mit den Grazern. Der Manfred hat das Grazer Rathaus während Umbauarbeiten mit großformatigen Porträts statt einer hässlichen Plane verkleidet. Der damalige ÖVP-Kulturstadtrat Helmut Strobl hat dann angeboten, permanent was mit Deix in der Steiermark zu machen. Das hat der Pröll irgendwie erfahren und gesagt: Wann der Deix irgendwo hinkommt, dann nach Niederösterreich. Die zwei haben dann das erste Mal miteinander geredet und sofort funktioniert. Jeder ist auf den Schmäh vom anderen gestanden. Sie haben sich schon gegenseitig die Meinung gesagt. Aber der Manfred ist auf den Pröll mehr gestanden als auf alle Sozis miteinander.

Was würde den Künstler Deix heute am meisten aufregen, was am meisten amüsieren?

Alles würde ihn amüsieren. Aber wenn mir heute viele Leute sagen, gerade jetzt wo der Kurz ist, bräuchte es einen wie den Deix, dann sage ich: Drei-, viermal würde er ihn zeichnen, mit den Ohrwascheln und so. Dann wäre er ihm zu fad und das Ganze auch zu billig, weil der Kurz liegt ja auf dem Silbertablett. Mindestens so am Popsch gegangen wäre ihm der Kern.

Sie haben fünfzig Jahre mit Manfred Deix verbracht. Wie war der Alltag mit ihm als Künstler?

Er hat immer die Nacht durchgearbeitet. Wenn ich in der Früh ins Atelier runter gekommen bin, hat er mir gezeigt, was er gemacht hat. Ich hab, wenn ich es so empfunden habe, auch ehrlicherweise gesagt: ‚Des ist ein Schas, des kannst gleich weghauen. Der schaut net so aus, außerdem fehlt da eine Hand und was ist das überhaupt für ein Thema.‘ Und er hat dann gesagt: ‚Ja die Frau Oberschlau.‘ Oder: ‚Die Deppate mischt sich wieder ein.‘ Meine Meinung war ihm aber wichtig. Er hat immer am Ende auf mich gehört. Auch wenn er an sich gezweifelt hat und ich ihm gesagt habe: ‚Das ist super und perfekt.‘ Manchmal wollte er auch etwas wegwerfen: ‚Das Blattl wird kein Mensch je sehen.‘ Und ich habe ihm das noch rechtzeitig aus der Hand gerissen. Ich war die Erste, die alles gesehen hat und war, wenn notwendig, auch gnadenlos: Denn ich wollte ihn ja beschützen.

Anfang nächsten Jahres wäre der 70. Geburtstag von Manfred Deix. Was haben Sie abseits des Buches zur Erinnerung an ihn geplant?

Es wird eine Ausstellung im Wilhelm Busch-Museum in Hannover und eine in Tel Aviv geben . In Wien ist eine in einer Galerie in der Singerstraße, um die Ecke vom Kleinen Café geplant. Und dann überlege ich noch etwas Besonderes für eigentlichen Tag des 70ers. Mit dem Sohn von Gerhard Haderer organisiere ich auf dessen Wunsch auch eine Ausstellung in der Linzer Tabakfabrik.

Unser Gespräch findet in dem Haus statt, das auch dadurch berühmt wurde, dass bis zu 80 Katzen gemeinsam mit Ihnen gelebt haben. Wie viele sind es heute?

Jetzt sind es nur noch fünf Katzen, die anderen sind nach und nach alle verstorben. Sobald die letzten Katzen verstorben sind, werde auch ich hier ausziehen.