Kultur
30.08.2018

Kunstprojekt: Negativ-Werbung in der Wiener City

Monica Bonvicini will mit Katastrophenbildern am Wiener Graben einen „Moment der Stille“ erreichen

„Ich wollte unbedingt einen Kontrast haben“ , sagt Monica Bonvicini. Und tatsächlich hebt sich die große Werbetafel, die die Künstlerin auf einen Betonsockel am Wiener Graben pflanzen ließ, stark von den Geschäftsportalen und Gründerzeitfassaden der Umgebung ab: Das Werk, „All Day Night Smoke“ betitelt, ist die neunte Installation, die die städtische „Kunst im öffentlichen Raum“ (KÖR) am Innenstadt-Hotspot aufstellt. Bis 4. 11. werden täglich tausende Shopper und Touristen daran vorbeimarschieren.

Die Frau hinter dem Projekt hat Wiens Kunstgeschehen stärker geprägt, als es auf den ersten Blick scheint: 15 Jahre lang hatte die gebürtige Venezianerin eine Professur für „Performative Kunst und Bildhauerei“ an der Akademie der bildenden Künste inne, eine Generation innovativer Kunstschaffender – darunter die Otto-Mauer-Preisträgerin 2017, Toni Schmale, oder die zuletzt im Belvedere 21 präsentierte Anna Witt – ging durch ihre Schule.

International gefragt

Bonvicini selbst aber realisiert seit ihrer letzten Wiener Solo-Ausstellung in der Secession 2003 Projekte in aller Welt. Ihr Studio in Berlin produziert Werke, die sich nicht selten durch ihre Größe und aggressive Ästhetik auszeichnen: Die mit schwarzem Polyurethan überzogenen Motorsägen, die bei der Venedig-Biennale 2015 – Bonvicinis fünfter Teilnahme an der Kunstschau – von der Decke baumelten, sind nur ein Beispiel.

Die am Graben aufgestellte Tafel, die von der Anmutung her eher an eine Stadtautobahn als in die Fußgängerzone passen würde, zeigt nun auch keine Werbung, sondern verwüstete Gebäude. Seit 2006 übersetzt Bonvicini diese Motive in großformatige, reduzierte Gemälde. Für Wien wählte sie die Ansicht eines vom Hurrikan zerstörten Hauses und eines ausgebrannten Eigenheims in Kalifornien aus: Gerade letzteres scheint durch die jüngsten Waldbrände an Aktualität gewonnen zu haben.

„Das Werk soll aber kein Mahnmal sein“, erklärt die Künstlerin. „So ein großes, schwarzweißes Bild, das genau im Gegensatz zu allem steht, was rundherum passiert, kann vielleicht einen Moment der Stille hervorbringen und damit ,realer’ sein als das ganze Umfeld.“

Gewalt und Zerstörung

Ausnahmesituationen begegnen in Bonvicinis Werk, das von Zeichnungen und Gemälden zu Skulpturen und Installationen reicht, immer wieder. Die Künstlerin agiert stets in einem dichten Netz an Bezügen zur Kunstgeschichte: Wenn sie etwa auf der Venedig-Biennale 2005 einen Kubus aus Ytong-Ziegeln derart zerhacken ließ, dass das Ergebnis an Caspar David Friedrichs Gemälde „Das Eismeer“ (1823/’24) erinnerte, schloss sie die Minimal Art mit dem Erhabenheits-Kult der Romantik kurz.

Zugleich hat Bonvicinis Kunst eine körperliche Dimension, die sich sehr unmittelbar erschließt – um so mehr, als die Künstlerin sich öfters Elemente aus dem Materialschuppen der Sadomaso-Szene ausborgt. Ein Einblick in die Praxis der Künstlerin wird sich im Sommer 2019 bei einer Solo-Schau im Wiener Belvedere 21 bieten. Parallel wirkt Bonvicini an der Inszenierung der Puccini-Oper „Turandot“ mit, die das Teatro la Fenice in Kooperation mit der Venedig-Biennale realisiert: Die Premiere ist am 10. Mai 2019.

Venedig und Wien

Die Figur der männermordenden Turandot interessiere sie sehr. Die Zuschreibung, dass ihre eigene Kunst „machomäßig“ sei, lehnt Bonvicini aber ab: „Ich arbeite gerne groß, das hat mit dem Geschlecht überhaupt nichts zu tun“, insistiert sie.

Dass alle Kunstpraktiken allen offenstehen, ist der Künstlerin daher auch ein Anliegen, wenn sie im Herbst ihre Professur an der Wiener Akademie zurücklegt. „Natürlich hoffe ich, dass meine Stelle von einer Künstlerin übernommen wird“, sagt sie. „Bildhauerei ist schwere Arbeit, man braucht viele Leute, die mithelfen, braucht Geld für ein Studio, Geräte und so weiter. Ich finde es wichtig, dass die Studierenden sehen, dass man es als Frau genausogut macht.“