Kultur
14.10.2018

Kunstforum: Fernost als eine Schule des Sehens

„Faszination Japan“ im Kunstforum Wien widmet sich den Vorbildern der klassischen Moderne.

Die japanische Kunst hat den Europäern die Augen geöffnet. „Meine ganze Arbeit baut sich sozusagen auf den Japanern auf“, schrieb Vincent van Gogh 1888.

„Das ist keine Mode mehr, das ist Leidenschaft, das ist Verrücktheit“, hatte der Kunstkritiker Ernest Chesneau schon zehn Jahre vorher festgestellt. Ganz Paris war im Japan-Fieber.

Und van Gogh wohl der größte Japonist seiner Zeit, der von Paris in die Provence zog, weil er dort das helle Licht und die klaren Farben des Fernen Osten zu finden meinte: „Ich brauche keine Japandrucke, denn ich sage mir immer, dass ich hier in Japan bin.“

In Paris begann’s

Das Kunstforum Wien erzählt in der von Evelyn Benesch kuratierten Ausstellung „Faszination Japan: Monet – Van Gogh – Klimt“ (bis 20. Jänner) von der Begeisterung der Künstler und von ihrer kreativen Auseinandersetzung mit fernöstlichen Vorlagen vor und nach 1900.

Bestückt ist die Schau mit Gemälden, Zeichnungen und Grafik, Kunsthandwerk und Mode, ergänzt um ihre japanischen Bildquellen.

„Wir stellen die Originale und Inspirationsarbeiten der Kunst der Wiener Secession, Entwürfen von Josef Hoffmann und Koloman Moser gegenüber“, sagt Benesch. „Wir zeigen die frühen Holzschnitte der Blaue-Reiter-Künstler – und in einem eigenen Kapitel geht’s um Geister, Helden und Fabelwesen.“

Die Sehnsucht nach dem Fremden, nach dem Exotischen illustriert zu Beginn der Schau „Die japanische Pariserin“ (1872) von Alfred Stevens. In Wien malte Hans Makart „Die Japanerin“ (um 1870/75) – eine barbusige Wienerin im Geisha-Stil mit Haarnadeln, Japan-Tracht und Fächer. Und in Frankreich, zur selben Zeit, Claude Monet seine Frau Camille im japanischen Kleid.

Gustav Klimts Gemälde von Adele Bloch-Bauer I („Goldene Adele“) aus dem Jahr 1907 erinnert an Holzschnitte mit Darstellungen schöner Frauen, allerdings vermischt mit Elementen ägyptischer Kunst und westlicher Heiligen- und Herrscherbildnisse.

Auf Grund von Reiseberichten aus dem für Europäer exotisch anmutenden fernen Land hatte eine Japan-Manie – der Kritiker Philippe Burty nannte das Phänomen 1872 „Japonismus“, ein bis heute gültiger Begriff – die Kultur Mitteleuropas erfasst, zusätzlich befeuert durch die Weltausstellungen in London, Paris und Wien. Seit sich das ostasiatische Inselreich nach jahrhundertelanger selbstgewählter Isolation 1854 dem Westen geöffnet hatte, überschwemmten Alltags- und Kunstgegenstände aus Japan – Keramik, Kimonos und Kunst – Europa.

Farbholzschnitte, „Bilder der vergänglichen Welt“ (Ukiyo-e) – in Europa groß in Mode, aber im Herkunftsland lange gering geschätzt und sogar verachtet – kamen in den Westen, zuerst als Verpackungsmaterial für Tee und andere Waren, dann als Sammelobjekte, nachdem französische Sammler und Kunstkritiker nach Japan gereist waren.

Neue Ästhetik

Der Japan-Hype erfasste auch die Kunst. Monet, Renoir und van Gogh waren fasziniert von den Holzschnitten eines Hokusai oder Hiroshige, die flächig wirkten, unnatürliche Farben und unkonventionelle Bildfindungen aufweisen. Während sie Motive wie Fächer, Geishas oder Blumen zunächst kopierten, verinnerlichten sie mit der Zeit immer mehr die Kompositions- und Stilprinzipien der asiatischen Farbholzschneider.

Ob Gauguin, der sich vom japanischen Blickwinkel inspirieren, von Sujets, Ausschnitten, Kolorit, dem Umgang mit Linien, inspirieren ließ; ob Degas, der Frauen nach dem Bad in ähnlichen Posen wie Utamaro zeigte.

Oder Monet, der einen Abzug von Katsushika Hokusais „Die große Welle vor Kanagawa“ – das neben seinen Serien vom Berg Fuji bekannteste Motiv der japanischen Kunstgeschichte – in seinem Haus in Giverny hängen hatte. Ob Cézanne, Vallotton, Vuillard und weitere Künstler. Für alle gilt: Ohne Japan keine klassische Moderne.

Aus Japan kamen Anregungen für neue Motive: unmittelbare, flüchtige Eindrücke des Lebens. Faszinierend, wie die Europäer die fremde Ästhetik mit eigenen Sujets verbinden – die gewagten Bildausschnitte und fehlenden Horizontlinien, die extre men Aufsichten und das Arbeitsprinzip der Serie.

Plakatkünstler der Belle Époque wie Henri Toulouse-Lautrec hauchten mit wild geschwungenen Linien Farbflächen Leben ein. Toulouse-Lautrec ließ sich Malzubehör aus Japan kommen und wäre gern dorthin gereist; nur fehlte ihm dazu das Geld.

„Nicht mehr und nicht weniger als eine Revolution im Sehen der europäischen Völker, das ist der Japonismus“, schreibt Edmond de Goncourt am 18. April 1884 in sein Tagebuch und fährt fort: „Ich möchte behaupten, er bringt einen neuen Farbensinn, neue dekorative Gestaltung und sogar poetische Phantasie in das Kunstwerk, wie sie noch nie selbst in den vollendetsten Schöpfungen des Mittelalters oder der Renaissance existierten.“

Franz Marcs „Die weiße Katze“ (1912) aus dem Künstlerverein „Der Blaue Reiter“ ist ein Beispiel für die moderne Umsetzung der Tierstudien von Hokusai. Ebenfalls eine Referenz an diesen Künstler ist van Goghs „Großes Nachtpfauenauge“ (1889) aus Amsterdam.

Schließlich hatten auch die „Nabis“ (Propheten) genannten Franzosen Pierre Bonnard, in Wien mit einem japanischen Paravent und „Der Arbeitstisch“ vertreten, Edouard Vuillard sowie der Schweizer Félix Vallotton die neuen Stilmittel japanischer Künstler wie Harunobu, Hokusai, Kunisada und Utamaro studiert: Sie regten sie zu ungewohnten Perspektiven, Anschnitten, steilen Aufsichten und zur Kombination von Nah- und Fernsicht an.

Mit der Aufgabe der seit der Renaissance gepflegten, akademisch zementierten Zentralperspektive kamen sie zu bis dahin ungeahnten gestalterischen Freiräumen.

Selbst nach Asien gereist sind nur wenige Künstler wie der Österreicher Emil Orlik, dessen Holzschnitte eine Art Bilder-Tagebuch des japanischen Alltags sind.

„Reflexionen“

Zum Blick zurück kommt im Kunstforum Wien auch die Gegenwart: So haben drei zeitgenössische Künstlerinnen Rauminstallationen zum Thema „Teehaus als Ort der Begegnung“ gestaltet.

Eva Schlegels „Reflexion“ besteht aus Spiegelflächen und Kettenvorhang, die von Stephanie Pflaum ist eine mit Objekten behängte Hütte. Ein Eyecatcher die Skulptur von Margot Pilz: verarbeitete Erinnerung an die Zeit, die sie als Kind in einem Konzentrationslager der Japaner in Indonesien interniert war.