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KURIER-Serie
01/04/2021

Kulturjahr 2021: Gemeinsame Reise zurück zum Mehr

2021 werden die Kulturveranstaltungen zurückkehren – und im Neustart beweisen können, warum sie eigentlich so wichtig sind, für das Menschsein und für das Freisein.

von Georg Leyrer

2021 wird es wieder Kulturveranstaltungen geben, und das ist eine erstaunlich gute Nachricht.

Denn 2020 wurde die Kultur vom Virus und der politischen Pandemiehierarchie beiseite gewischt: So gut wie nichts ging. Insbesondere die Bühnen wurden bei den Lockdowns als erste geschlossen und als letzte wieder aufgemacht. Doch es sieht alles danach aus, als würde sich bewahrheiten, worauf die Branche das ganze Jahr gepocht hat: Die Sehnsucht des Menschen nach geistiger Nahrung, nach Auseinandersetzung damit, warum genau man sich das alles hier im Leben eigentlich antut, was den Menschen über die körperliche Gesundheit hinaus zum Menschen macht, ist kein Hobby für Kulturverliebte, sondern ein Grundbedürfnis.

Dieses wird heuer erfüllt werden, mit einer Dringlichkeit, die, so ehrlich kann man zum Neustart sein, im Kulturalltag nicht immer gegeben war. Wenn auch immer noch unter veränderten Bedingungen: Strukturschäden im Betrieb und offene Fragen zur Coronasicherheit stehen auf der einen Seite – auf der anderen aber die Vorfreude bei Künstlern und Publikum darauf, wieder gemeinsam an der Erzählung vom Menschlichen teilzuhaben.

Man darf schon die Koffer packen für die Reise zurück ans Mehr, jenes Mehr, das Gesellschaft und Menschsein ausformuliert und in der Kultur beleuchtet wird.

Es war ein mit überraschend spitzer Feder geschriebener Eintrag, den Riccardo Muti in den ersten Stunden des Jahres in die Stammbücher der Weltpolitik geschrieben hat. „Ich appelliere an alle Staatschefs und Präsidenten dieser Welt, die Kultur endlich wichtig zu nehmen“, sagte der Dirigent während des Neujahrskonzerts.

Und dass selbst dieses versöhnlichste, dieses gutmütigste aller Kulturevents plötzlich eine scharfe Note bekam, war ein perfekter Auftakt für 2021: Es wird das Jahr sein, in dem die Kultur ihren Platz behaupten wird, mit ungewohnt spitzen Zähnen und scharfen Klauen. Man wird sich nicht noch einmal so beiseite wischen lassen, und man wird es wieder mehr würdigen, dieses zivilisatorische Wunder der Kultur.

Dass jeden Abend hunderte Menschen eine Oper auf die Bühne bringen, und anderswo ein Autor allein um jedes Wort ringt; dass in den Werken aus Vergangenheit und Gegenwart derart zu den Menschen gesprochen wird, dass diese sich und ihren Ort in der Welt besser verstehen; dass jede Generation junger Menschen einen Gutteil ihres Geldes für Livemusik ausgibt und sich in dieser wiederfindet; dass der Drang, sich mit Kultur auseinanderzusetzen, so groß ist, dass er die Notwendigkeiten des Alltags überstrahlen kann.

Also, auf in ein reichhaltiges Kulturjahr, in dem sich an den Bühnen die Premieren stauen werden, in dem man mit Freude die Festivalschuhe vom Schlamm reinigen wird, in dem man einem neuen Jedermann und einer neuen Buhlschaft mit weniger Abgeklärtheit begegnen wird, in dem die Kulturkritik mehr und Dringlicheres zu beschreiben haben wird als „gut gespielt, schlecht gespielt“.

In dem man Blockbusterkino und Sommertheater wieder liebhaben kann und abseitigen Theaterexperimenten mit wohlwollendem Interesse begegnen kann. In dem man den Gedanken mittragen wird, dass das alles nicht selbstverständlich ist. Es wird ein Jahr des Staunens.

Es ist alles so frisch hier: Kultur ganz ohne Alltag

Mehrfach ist die große Kulturmaschine aus dem Lockdown-Leerlauf schon wieder hochgeschaltet worden. Und auch wenn das nie von längerer Dauer war, eines konnte man schon erahnen: Wenn es dann wieder losgeht mit dem Publikumsbetrieb, sitzen oder stehen einander Künstler und Zuseher gegenüber, die einander mit frischen Herzen begegnen. Der sprichwörtliche Aboalltag – was hören wir eigentlich heute? – wird 2021 durch eine Aneinanderreihung neuer Chancen ersetzt werden: Selbst an den Rand des Überdrusses gespielte Werke gilt es, gemeinsam mit neuen Ohren zu hören, mit neuen Augen zu sehen, mit neuen Fragen aufzuladen. Und wer nicht aus Corona-Angst fernbleibt, wird sich vom Parkett bis zum Stehplatz bewusst sein, dass der Kulturbesuch alles andere als selbstverständlich ist – und ihn dementsprechend mit auch erhöhter innerer Bedeutung aufladen.

Diese Aufbruchstimmung kann nur gut sein. Denn es kommen auch schwierige Jahre auf die Branche zu, mit Schließungen, Budgetkämpfen und zerstörten Karrieren.

Mehr Möglichkeiten, Publikum anzusprechen

„Danke für Nix, 2020“, leuchtete es zum Jahreswechsel an der Fassade der Wiener Staatsoper. Zu Recht! Aber abseits dieses Social-Media-tauglichen Lichtschmähs ist die Lage doch differenzierter – ganz ohne Dauernutzen war das alles auch wieder nicht. Wie so viele andere Bereiche auch hat die Kultur einen Crashkurs in Digitalisierung durchgemacht. Und wenn wir dann alle genug echte Welt erlebt haben werden, um zur Abwechslung wieder gerne Zeit vor dem Bildschirm zu verbringen, dann werden sich die neuen digitalen Kanäle, die neuen Wege zum Publikum, die sich 2020 aus der Not heraus aufgemacht haben, als nützlich erweisen. Insbesondere auch für jene Mammutaufgabe, die eine geschwächte Kultur alsbald wieder angehen muss: das Ringen um das neue, das junge Publikum.

Freiheit im Festivalstaub und in der Disco

Ja, es hatte durchaus auch eine gewisse Dosis Ja-Eh-Peinlichkeit, wenn Künstler in der Pandemie dadurch Gratismut bewiesen, dass sie verbal die Freiheit hochhielten. Aber heuer wird spürbar werden, wie real dieses Gefühl von Freiheit sein kann – und wie sehr es den Menschen formt. Nicht zuletzt auch in der Kultur: Spätestens im Juni, sagt Österreichs größter Rockveranstalter Ewald Tatar dem KURIER, wird es wieder Rock- und Popkonzerte geben; und ja, auch die Tanzclubs werden heuer wieder aufmachen. Egal? Mitnichten. Auch wenn hier oftmals Freiheitsversprechen zum durchkommerzialisierten Produkt herabgestuft wird: Nicht nur die jungen Menschen werden wieder für einige Stunden empfinden können, was es heißt, äußere Zwänge abzustreifen. Von denen gab es 2020 ein unerhörtes Übermaß. Genug davon! Und ja, insofern sind Rock und Disco hochpolitisch: Dort werden wieder viele Menschen neu lernen, was es heißen könnte, in einer anderen Existenz zu leben. Das vermittelt übrigens, weniger laut, aber doch, auch der Rest der Kulturbranche in jeder Ausformung. Und sie ist somit ein wichtiges Mittel gegen Schulterschlüsse, die zur Verkrustung neigen.

Politiker suchen wieder das Image der Kultur

Mit der Rückkehr des Kulturbetriebs wird auch jener Imagetransfer wieder möglich, den die Politik so gerne sucht: Bei Eröffnungsreden gibt es billige Pluspunkte zu holen. Und der Spiegel zu sein, der die Politik momentweise schön aussehen lässt, hilft der Kultur. Man wird aber bei den Schönwetterreden, die zu erwarten sind, genau hinhören müssen – und sich erinnern, wie schnell die Kulturnation in der Krise hintangereiht worden war.

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