© mumok/Klaus Pichler

Kunst
12/11/2018

Künstler Ernst Caramelle: Klimaforschung im Ideengewitter

Eine Ausstellung im mumok zeigt das Werk des gebürtigen Tirolers, der in Wien u.a. die Karlsplatz-Passage gestaltete

Man kann sich das Werk eines Kunstschaffenden wie eine Gewitterzelle vorstellen: Da baut sich ein Wolkenturm auf und entlädt sich irgendwann mit Donner und großem Spektakel. Manchmal sendet die Zelle auch nur kleine Blitze aus, wirbelt die Atmosphäre aber trotzdem gehörig durcheinander.

Ernst Caramelle ist gewiss kein Blitz- und Donner-Künstler, weswegen eine breitere Öffentlichkeit seinen Namen wohl nicht gleich mit einem „Ach ja, der!“ quittiert. Immerhin laufen seit September 2013 täglich tausende Wienerinnen und Wiener an seiner großen Wandmalerei in der Passage der U-Bahn-Station Karlsplatz vorbei: Die Aneinanderreihung von Farbflächen, die den Eindruck einer nicht immer ganz schlüssigen Räumlichkeit ergeben, ist eine der vielen ästhetischen Praktiken des gebürtigen Tirolers.

Arbeit im Kopf

Caramelle hat unzählige solcher Großbilder geschaffen, die meisten wurden aber wieder übermalt – auch den Werken, die nun die große Retrospektive im Wiener mumok (bis 28. 4. 2019) umfassen, blüht dieses Schicksal. „Ich arbeite mehr im Kopf, die Ausführung ist dann meist eher kurz“, erklärte der Künstler im Rahmen einer Presseführung. Die Wiener Ausstellung ist eine seltene Gelegenheit, an den Prozessen in Caramelles Kopf teilzuhaben – zeigt sie doch eine Fülle an Ideenskizzen, Zeichnungen und Konzepten. Zugleich ist die Schau selbst ein großes ausgeführtes Werk: Die Stellwände im Eingangsgeschoß des Museums sind wie in einer Raum-Malerei zu einem Korridor gestaffelt; er führt zu einer Türe, die sich aber wieder als gemalte Illusion entpuppt: Caramelles Kunst sendet ständig Aufforderungen an die Betrachter, Dinge weiterzudenken und zu vervollständigen.

Dass sich dabei ein gehöriger Witz entfaltet, möchte man angesichts der reduzierten Anmutung der Schau (Caramelle: „Man möchte eine Ausstellung, die alles enthält und trotzdem eine Leichtigkeit hat.“) zunächst gar nicht glauben. Doch das Spielerische, Gewitzte steckte schon in Caramelle drin, als er 1976 seine Abschlussarbeit bei Oswald Oberhuber an der „Angewandten“ einreichte und diese „Resümee“ nannte. Die mit mehreren Blättern und einer Flasche gefüllte Box wird nun am Ende der mumok-Schau, die nun – in bewusst anderer Schreibweise – „Ein Résumé“ heißt, präsentiert.

Über Grenzen

„Die Phantasie kennt Grenzen, die Phantasten längst überschritten haben“, heißt es auf einem der Blätter, und man merkt schon Caramelles Hang zum Aphorismus und zu paradoxen Schleifen: „Seit wann malen sie? Und wenn ja, warum nicht?“ schrieb der Künstler auf ein anderes Blatt. Bereits 1976 wusste er zudem: „Eine einfache Methode, Kunst zu machen, ist jene, sie zu finden“.

Dass Caramelle damals gern Alltagsdinge als Kunstwerke klassifizierte, die ihr „Original überholt haben“ – so wurde etwa ein mit Folie überzogener Acker bei ihm zu einem „falschen Christo“ – setzt noch einiges kunstkennerisches Basiswissen voraus. Doch Caramelle entdeckte die Kunst auch in einem gelassen-poetischen Umgang mit den Dingen, der bis heute sehr unmittelbar ansteckt: Seine Arbeiten mit Buntpapier, die er gezielt abdeckte und an der Sonne verbleichen ließ, sind etwa von einer schlichten, japanisch anmutenden Schönheit. Gleichzeitig werfen die Blätter Fragen nach der Darstellbarkeit der Dinge auf.

„Sonne auf Papier“ statt Farbe auf Leinwand, Gedankengebäude statt Star-Architektur: In vielerlei Hinsicht läuft Caramelles Werk all dem zuwider, womit der Kunstbetrieb in den letzten Jahren Aufmerksamkeit erregt und Zuschauermassen sowie hohe Geldsummen bewegt hat. Die Werkschau ist daher eine willkommene Gelegenheit, den Kopf zu lüften und sich darauf zu besinnen, dass am Ende die Ideen zählen. Wolken, Blitze und heiße Luft gibt es in der Welt draußen schon genug.

INFO

Ernst Caramelle – Ein Résumé“: Bis 28.4.2019, mumok. Der Katalog „Ein Resümee“ (sic!) kostet 38 €. Bis 12.1. 2019 zeigt auch die Galerie nächst St.Stephan eine Caramelle-Schau.

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