Skulpturenpark und Glasgefängnis: Sandra Mujinga im Belvedere 21

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Mit „Skin to Skin“ gelingt der kongolesisch-norwegischen Künstlerin eine vieldeutige Installation.

Die erste Assoziation kam aus dem Harry-Potter-Universum: Die geisterhaften „Dementoren“, die dort das gefürchtete Zauberergefängnis Askaban bewachen und ihren Opfern die Seele aussaugen, könnten Verwandte jener aus Stoff genähten Figuren sein, die die Künstlerin Sandra Mujinga in 55-facher Ausfertigung im Belvedere 21 postiert hat.

Es ist freilich nur eine von vielen möglichen Deutungen, die das Ensemble, das die in der Demokratischen Republik Kongo geborene und in Oslo lebende Künstlerin nach einer Präsentation in Amsterdam für Wien adaptierte, zulässt. In einen Ambient-Soundtrack getaucht und je nach Lichtsituation mehr oder weniger bedrohlich anmutend, ist Mujinga dabei ein Assoziationsraum gelungen, der die Architektur des Pavillons zu nutzen weiß. Das Werk kommt dazu dem Zug der Zeit entgegen, Erlebnisräume statt aufgereihter Kunstwerke zu präsentieren (Stichwort „Immersion“).

Flucht aus Askaban

Die gedankliche Verbindung zu einem Gefängnis scheint dennoch nicht ganz daneben zu zielen. Denn auch wenn die überlebensgroßen Figuren inmitten eines nach fast allen Richtungen offenen Glaspavillons stehen, ist das Thema Überwachung für Mujinga ein zentrales: Im Katalog spricht sie über die „Hypersichtbarkeit“ im digitalen Raum, aber auch über die selektive Wahrnehmung von Schwarzen, die signifikant häufiger polizeilich kontrolliert oder von Türstehern blockiert werden, während sie in anderen Situationen unsichtbar bleiben.

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Dass die Künstlerin einige der Skulpturen erhöht auf Podesten platziert, ist da ebenso bedeutsam wie der Umstand, dass diese Blöcke ihrerseits verspiegelt sind und viele Raumverdopplungen und andere Spiegelkabinett-Effekte (und Social-Media-taugliche Fotos) ermöglichen. Wer sich in dem Raum aufhält, ist Beobachteter und Beobachter zugleich. Allein die Balustrade im Obergeschoß, von der aus man wie auf einen Fischteich auf die Schau blickt, erlaubt eine gewisse Machtposition.

Bei Mujinga läuft aber nichts auf einen zentralen Wachposten zu wie in dem Panoptikum, das der Philosoph Michel Foucault als Prinzip sozialer Disziplinierung sah: Wir überwachen einander heute gegenseitig, sind in einer Orwellschen Bruderschaft verbunden.

Expecto Patronum!

Mujinga will ihr Arrangement aber nicht als Dystopie begreifen: Das Spiegeln, Verdoppeln und Verstecken unter Kutten bietet schließlich auch das Potenzial, sich freizuspielen (im Übrigen nutzte auch Harry Potter einen Tarnumhang). Die Qualität des Werks liegt darin, diese Ambivalenz erfahrbar zu machen. Und der gläserne Schauraum am Schweizergarten kann dabei richtig auftrumpfen.

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