Befreit Britney! Befreit den Iran!

Chalisée Naamani vernäht Aktivismus und Influencer-Lifestyle. Leider füllt sie ihren Ausstellungsraum in der Kunsthalle Wien nicht.
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Die auf Geheiß des US-Präsidenten jüngst umbenannte Meeresregion heißt bei Chalisée Naamani nicht Golf von Mexiko oder Golf von Amerika, sondern „Golf der brüchigen Männlichkeit“. Die so beschriftete Landkarte ist Teil eines Stoffbüchleins, wie man es Babys gern zum Spielen gibt; dieses wiederum ist auf ein Arrangement bunt ornamentierter Polster gebettet, die im Schauraum wie Puzzlestücke zu einem Achteck aneinandergereiht sind.

„Octogone“ heißt auch die Ausstellung, mit der sich die französisch-iranische Künstlerin bis 6. April in der Kunsthalle Wien im MuseumsQuartier vorstellt: Als „erste institutionelle Einzelausstellung außerhalb Frankreichs“, wie Kunsthallen-Chefin Michelle Cotton betont, macht sich so eine Präsentation gut im Lebenslauf. 

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Dass die 1995 geborene Künstlerin karrieretechnisch gut unterwegs ist, scheint einleuchtend: Ihre mit Anspielungen und ironischen Zitaten gespickte Textilkunst führt vor, dass der Lebensstil der luxus- und modeaffinen jungen Bevölkerung politisches Engagement keineswegs ausschließt. Da die Künstlerin als Teil der iranischen Diaspora widerständige Impulse aus ihrem Heimatland spiegelt und verstärkt, ist ihr Werk hochaktuell.

In Outfits, die Naamani als „Bildgewänder“ bezeichnet, sind revolutionäre Ikonen (Delacroix’ „Freiheit auf den Barrikaden“) ebenso verpackt wie modische Statements und Schmähs, die den Reflex triggern, auf einen „Like“-Button zu drücken.

Gleichwohl ist spürbar, dass Insider-Codes als Modestatements oft sicherer (und leichter wegzupacken) sind als andere Ausdrucksformen. Den Schal mit der Aufschrift „Free Britney / Free Iran“ gibt es übrigens in limitierter Auflage in der Schau zu kaufen.

Das titelgebende Achteck wiederum zitiert die Einrichtung des „Zurkaneh“: Das „Krafthaus“, dessen Wurzeln sich bis in vorislamische Zeit verfolgen lassen, ist im Iran gleichermaßen Fitnessraum wie ritueller Ort. Machthabern waren die dort ausgeführten Übungen und Versammlungen suspekt, weswegen die Räume lang nur im Verborgenen existierten.

Kraft schöpfen

Bei Naamani steht das Oktogon nun allen Geschlechts- und Altersgruppen offen. Der „Ort der Stärke“ wird gesäumt von einer Wand aus Spinden, an denen wiederum anspielungsreiche Kleider-Objekte hängen – außerdem Boxhandschuhe mit Spitzenbordüren, Boxsäcke im Chanel-Muster, Capes mit persischen Ornamenten und touristischen Eiffelturm-Logos.

Das Problem: Der Saal im Erdgeschoß der MQ-Kunsthalle ist für das Arrangement schlicht zu groß. Und so wird er mit mäßig inspirierten Materialien aufgefüllt: Auf Hotel-Trolleys drapierte Koffer und Kleider – laut Eigenangaben von der Künstlerin selbst genäht – wiederholen den einmal gemachten Punkt; der Versuch, mit Arrangements von Dirndln und Lederhosen auch alpenländische Ornamente zu einer ironischen Aussage zu motivieren, wirkt hochgradig bemüht. Der Künstlerin ist damit am Ende ebenso wenig ein Gefallen getan wie dem Publikum.

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