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Kultur
03/18/2019

Krieg der Trolle: Wie Kampagnen gegen "Star Wars" & Co. laufen

Das Netz beeinflusst zunehmend den Erfolg von Film-Produktionen. Hollywood liegt mit Filmbewertungsseiten im Clinch

Am 25. Februar veröffentlichte die Internetseite Rotten Tomatoes, auf der User Kinofilme bewerten können, einen Blogbeitrag in eigener Sache. Der Titel („Hallo, es gibt ein paar kleine Änderungen“) war harmlos, die Veränderungen auf den ersten Blick auch. Die Wichtigste: Filme dürfen zukünftig erst nach ihrer Veröffentlichung bewertet werden.

Eigentlich logisch.

Hinter dieser Ankündigung verstecken sich aber mehrere große Konflikte. Es geht um Frauen, die sich einen Platz in typischen Männerdomänen erkämpfen. Um die Frage, ob Filmindustrie und Publikum auf Augenhöhe agieren sollen. Und um das zunehmend schwierige Verhältnis zwischen Hollywood und einem kleinen, aber sehr lauten Teil seines Publikums: Den jungen, internetaffinen Männern.

Die Definitionsmacht, was ein guter Film ist, wandert in Zeiten von Internet-Bewertungen mehr und mehr weg von den professionellen Kritikern und hin zum Publikum. Das muss nicht schlecht sein: Für gewöhnlich bietet ein Querschnitt von Bewertungen – und seien es nur ein paar Hundert – einen guten Anhaltspunkt, ob sich der Kinobesuch lohnt.

Bewertungsplattformen im Netz sind allerdings anfällig für Absprachen. Oft reicht ein Link in einem viel besuchten Internetforum mit einer Bitte, dort eine schlechte Bewertung zu hinterlassen, um das Gesamtergebnis deutlich zu beeinflussen. In den USA gibt es für diese konzentrierten Aktionen den Begriff „Review Bombing“. Rotten Tomatoes ist als eine der wichtigsten Bewertungsseiten eines der Hauptziele für diese Form des Negativmarketings.

Macht des Publikums

Weil „Review Bombing“ hauptsächlich in Internetforen wie 4Chan organisiert wird, trifft es Filme nicht gleichmäßig. Sondern bevorzugt die Streifen, die das dortige Publikum aus überwiegend jungen bis mittelalten Männern besonders ärgert.

Bekannte Beispiele waren in der Vergangenheit das „Ghostbusters“-Remake (bei dem die männlichen Hauptrollen gegen Frauen ausgetauscht wurden), „Black Panther“ (mit seiner weitgehend schwarzen Besetzung) oder der letzte „Star Wars“-Film, der von vielen Fans als Bruch mit Traditionen der Reihe gesehen wurde.

Die freundliche Lesart: Die Fans wollen traditionelle Blockbuster vor Veränderungen schützen. Die weniger freundliche: Fans stürzen sich vor allem auf Filme, wo die Helden keine weißen Männer sind. Die Veränderungen im Bewertungssystem von Rotten Tomatoes wurden in der Branche vor allem als Schutz für den Film „Captain Marvel“ (derzeit im Kino) interpretiert. Die Comicverfilmung schien für „Review Bombing“ geradezu geschaffen. Es ist der erste Film aus der Marvel-Reihe mit einer weiblichen Hauptrolle. Und Hauptdarstellerin Brie Larson forderte zuletzt in Interviews mehr Diversität in der Filmindustrie ein, weil sie „überwiegend von weißen Männern“ interviewt würde. „Captain Marvel“ zog sich damit den Zorn der Community zu und hatte schon vor Veröffentlichung knapp 50 Prozent negative Bewertungen angesammelt – ohne dass ihn jemand gesehen haben konnte, wohlgemerkt.

Dass die Problematik vor allem an Comicverfilmungen sichtbar wird, ist kein Zufall.

Erster Full-Trailer: Captain Marvel

Zum einen  sind sie für die Filmindustrie enorm wichtig geworden. Von den zehn erfolgreichsten Filmen 2018 hatten sechs eine Comicvorlage.  Zum anderen wird an diesem Genre eine gesellschaftliche Verschiebung deutlich, die auch die Filmindustrie betrifft. Die Macht des weißen Mannes schwindet – um es  dramatisch auszudrücken.

Der junge bis mittelalte weiße Mann galt lange als das Zielpublikum für Popcorn-Kino. Dementsprechend waren die Filme  für ihn gemacht. Das hat sich in den letzten Jahren zunehmend verschoben. Filmstudios mussten neues Publikum erschließen, auch weil ihre traditionellen Konsumenten in den Streaming-Bereich abwanderten. Das Helden-Portfolio präsentierte sich diverser: Die Ghostbusters wurden weiblich, 2020 wird Gerüchten zufolge der erste schwule Superheld auf der Leinwand zu sehen sein.

Auch in den Marvel-Comics ist Spiderman nach dem letzten Reboot schwarz. Die Strategie ist offenbar vielversprechend: „Black Panther“ reihte sich in die Top 10 der erfolgreichsten Filme aller Zeiten ein. Es wäre falsch, das nur auf die Hautfarbe der Schauspieler zurückzuführen. Es ist aber zumindest kein Hindernis.
 

Wertungen als Feind

Marvel Studios' BLACK PANTHER..L to R: Nakia (Lupita Nyong'o), T'Challa/Black Panther (Chadwick Boseman) and Okoye (Danai Gurira)..Ph: Film Frame..©Marvel Studios 2018

Ebenso wenig überraschend ist, dass sich die Diskussion an Rotten Tomatoes selbst entzündet. Die Filmbewertungsseite hat in Hollywood viele Feinde, weil schlechte Bewertungen gerne für Misserfolge  verantwortlich gemacht werden.

Der Regisseur und Produzent Bret Ratner nannte die Seite in einem Interview 2017 „das Schlimmste, was wir aktuell in der Film-Kultur haben“. Das Problem daran: Die Seite wird meistens nur für Flops herangezogen, selten für Erfolge. Das Gejammer der Filmindustrie ist statistisch zumindest fragwürdig. Ein Mitarbeiter des Entertainment Technology Center der University of Southern California stellte bei einer Untersuchung der 150 erfolgreichsten Filme 2017 zwei Dinge fest: Die Korrelation zwischen Einspielergebnis und Rotten-Tomatoe-Score der Filme ist gering. Und statistisch liegen auch die Geschmäcker der professionellen Kritiker und des Publikums der Seite nah beieinander.

Das heißt nicht, dass der Einfluss von Rotten Tomatoes bei einzelnen Filmen – speziell wenn sie sich an ein junges, männliches, internetaffines Publikum richten – nicht beträchtlich sein kann.  Aber ihr auf großer Breite Macht zuzuschreiben, ist wohl übertrieben. Hinter der Diskussion um die Reviews und „Captain Marvel“ steckt nicht nur ein Konflikt zwischen einer traditionellen Zielgruppe, die sich von diverser werdenden Produkten nicht mehr angesprochen fühlt und um sich schlägt. Sondern auch eine Industrie, die fortlaufend neu verhandelt, auf welcher Höhe sie mit ihrem Publikum agieren soll.

Gegenmaßnahmen

Viele Bewertungsseiten sind sich ihrer wachsenden Verantwortung bewusst und haben Mechanismen, um „Review Bombing“ oder gekaufte positive Bewertungen zumindest einzudämmen. Manche filtern „Ausreißer“ heraus – also plötzliche viele 10er oder 1er, die von den restlichen Bewertungen abweichen. Was aber auch wieder ehrlich gemeinte Bewertungen treffen könnte.

Einen Königsweg gibt es nicht, notwendig ist es trotzdem. Nicht nur, um Filme mit weiblicher Hauptrolle vor ungerechten Angriffen zu schützen, aber auch. Wie schon Spiderman sagte: „Mit großer Macht kommt große Verantwortung.“