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Kultur
12/19/2018

Koloman Moser im MAK: Der Mann der Quadrateln

Eine große Werkschau zeigt Koloman Moser (1868–1918) als prägenden Designer, Grafiker und Maler

Ein Mann mit vielen Talenten. Ein Visionär der Wiener Moderne, die den verklärenden Historismus des 19. Jahrhunderts sowie den Graben zwischen bildender und angewandter Kunst überwinden wollte: Das war Koloman Moser (1868–1918). Als Grafik- und Möbeldesigner sowie Glaskünstler einer der Vielseitigsten der Wiener Kunstszene um 1900.

In der chronologisch aufgebauten Schau „Koloman Moser. Universalkünstler zwischen Gustav Klimt und Josef Hoffmann“ im MAK sind viele der 500 Exponate, großteils aus der MAK-Sammlung, erstmals öffentlich zu sehen. „In einer Art Atelieratmosphäre“ wollte Gastkurator Christian Witt-Dörring „die Explosion einer neuen Ära zeigen, und wie es dazu kam. Denn wir haben rund 2500 Entwurfszeichnungen von Moser, die noch kaum ausgestellt waren.“

Tausendkünstler

Der „Tausendkünstler“, wie ihn Hermann Bahr nennt, kreiert Jugendstil-Plakate, Gläser, Möbel, Keramik, Schmuck, Tafelsilber, Paravents, Stoffmuster und Tapeten, Banknoten und Briefmarken. Seine Ideen sind oft vom Entwurf über Zwischenstadien bis zum fertigen Produkt nachzuvollziehen.

Moser hasst das Triviale und die billige Tradition mit „ihren staubigen Buketts“, bezeichnet sich selbst als „bewussten Ästheten“. Alles Übrige erscheint ihm als Gschnas. „Für Persönlichkeit ist bei uns kein Raum“, klagt er. „Unsere wahrhaftigen Künstler bleiben unbegehrt und unbeschäftigt, und machen sie sich an irgendeine Ausgabe, dann stoßen sie auf Gegnerschaft und Feindseligkeit. So entstand das Unpersönliche, Ausdruckslose unserer neuen Architektur.“

Alles gerate „ins Hässliche durch eine Tradition, die nur Bequemlichkeit ist, durch einen bis ins Banale gehenden Abklatsch.“

Ästhetischer Aufbruch

Unter dem Titel „ Wien als Bühne der Künste“ widmet sich das erste von fünf Kapiteln dem Umfeld, das den jungen Moser prägt, und stellt u.a. Werke von Hans Makart, Franz Matsch sowie Gustav und Ernst Klimt neben die frühen, noch ganz dem Naturalismus verschriebenen Ölbilder und grafischen Arbeiten Mosers.

Klimts „Allegorie der Skulptur“ verändert Mosers Kunst nachhaltig. In der Personale fehlt auch sein Förderer nicht, der Architekt und „Vater der Moderne“ Otto Wagner, der in der Kunstzeitschrift „Ver Sacrum“ postuliert: „Der Mensch ist nicht für die Kunst da, sondern die Kunst ist für den Menschen da.“ Er propagiert die Einheit von Form und Funktion.

Für Moser maßgeblich in in den späten 1890er-Jahren ist die Flächenkunst, in der die „gemalte“ und die „leere“ Fläche denselben Stellenwert haben. Ihm ist wichtig, dass die Schranken zwischen Kunst und Kunstgewerbe aufgehoben werden. Und vor allem: Als Künstler kennt er keine Grenzen, was die klassischen Genres betrifft. Ihn interessiert vielmehr – ganz im Sinne der englischen Arts-and- Crafts-Bewegung, die mit qualitätsvollem Design Kunst und Alltagsleben miteinander verschränken will – die Fusion unterschiedlichster Kunstgattungen.

Alles fließt zusammen

Das Kapitel „Die Einheit der Künste“ präsentiert Moser als Gründungsmitglied der Wiener Secession, der für ihr Erscheinungsbild zuständig ist, außerdem als innovationsfreudigen Universalkünstler, als originellen Gestalter von Ausstellungen, Interieurs sowie Bühnen- und Kostümausstatter.

Er gestaltet Glasfenster für Joseph Maria Olbrichs Secessionsgebäude und Otto Wagners Kirche am Steinhof, wo das „Irdische Paradies“ und „Die Leiblichen und geistigen Werke der Barmherzigkeit“ gegen den Einspruch konservativer Kirchenkreise zum virtuosen Spiel des Künstlers mit den Stoffen und Farben des Glases wird. Er entwirft Textilien für Backhausen, Gläser für Bakalowits, Möbel für Portois & Fix. Ein Symbol der ästhetischen Haltung Mosers und der Zusammenarbeit mit Josef Hoffmann ist sein Armlehnstuhl für das Sanatorium Purkersdorf mit der Sitzfläche in schwarz-weißem Schachbrettmuster und den schlicht weißen Lehnen.

So wenig Moser als Maler reüssiert, weil seinen Bildern Neues und Eigenes fehlt, umso revolutionärer sind seine Entwürfe für die Wiener Werkstätte, so Elisabeth Schmuttermeier, Kustodin MAK-Sammlung Metall und Wiener-Werkstätte-Archiv. „Da ist er radikaler als Josef Hoffmann, traut sich mehr und hat ein unglaublich gutes Gefühl für die richtige Proportion.“

Maler macht Möbel

So ist ein Höhepunkt der Ausstellung die Fülle an Objekten der Wiener Werkstätte: Zu sehen sind zeitlos schöne Interieurs, Möbel wie der Schrank, der mit Paillettenfischen hinter Glas ein Aquarium samt Luftblasen imitiert, Metallgegenstände, Lederarbeiten und Schmuck.

Im Vergleich dazu ist das zum Teil stark von Ferdinand Hodler beeinflusste malerische Spätwerk ab 1907 des sonst unermüdlichen Suchers nach neuen Formen und Ausdrucksmöglichkeiten weniger beeindruckend, so wie auch Hermann Bahr im Nachruf notierte: „Für den Wiener war Kolo Moser der Mann der Quadrateln: Die meisten meinen, er habe das Schachbrett erfunden.“ Das Muster bringt er auch auf einem Theatervorhang an. Und als er nach einer missglückten Premiere einen Kritiker fragt, wie ihm denn die Vorstellung gefallen habe, da meint der schlagfertig: „Der Vorhang war Schach, die Vorstellung matt.“