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Debatte
09/27/2019

Katastrophen-Tourismus: Ein Desaster mit diesen Selfies

Darf man von Orten wie Tschernobyl Instagram-Fotos posten? Nun – es ist kompliziert.

Katastrophen sind guter Fernsehstoff. Das dachte sich offenbar auch HBO. Anfang Mai lief auf dem amerikanischen Kabelsender die sechsteilige Mini-Serie „Chernobyl“ an. Sie handelt von der Explosion des Reaktors im April 1986, aber vor allem von den Aufräum- und Vertuschungsversuchen im Anschluss. Warnende Wissenschafter, unverantwortliche Politiker, man kennt die typischen Handlungsstränge. Die Serie erhielt viel Aufmerksamkeit in den sozialen Netzwerken, lieferte zahlreiche neue Kostüm-Möglichkeiten für Männern mit Schnurrbärten und erhielt generell gute Kritiken, auch wenn die teilweise doch starken Abweichungen von der Realität bemängelt wurden.

Ein paar Wochen nach dem Start ging eine Meldung herum, die am Rande mit der Serie zu hatte. Erst auf Twitter, von wo sie den Weg in die etablierten Medien fand. Influencer – also Internetpersönlichkeiten, die vor allem auf Instagram ihre Selfies posten – würden Tschernobyl stürmen. Also genau genommen Prypjat, wie die Stadt nahe dem explodierten Atomreaktor heißt. Die Touristen würden „eine nukleare Gefahrenzone in einen Instagram-Hotspot verwandeln“, schrieben Medien.

Dunkler Tourismus

Die Klage über pietätlose Besucher und ihre „Desaster-Selfies“ ist nicht neu. Auch Anwohner von anderen Orten von Katastrophen berichten, dass Touristen gezielt für Fotos vorbeikommen würden. Im Vereinigten Königreich wurde das Phänomen anhand des Londoner Grenfell Towers, bei dessen Brand im Jahr 2017 72 Menschen ums Leben kamen, kontrovers diskutiert. Im Englischen gibt es dafür sogar einen Begriff: „Dark Tourism“, die touristische Suche nach dem Morbiden. Unbestritten ist, dass viele Touristen vergessen, dass dort Menschen gestorben sind und es vielfach zu pietätlosen und empörenden Verhalten kommt.

Allerdings ist die Sache im jüngsten Fall von Tschernobyl wohl doch ein wenig komplizierter. Fakt ist, dass man Tschernobyl schon länger besuchen kann. Seit 2011 sind die Regelungen für die Sperrzone gelockert. Es gibt diverse Anbieter, die Touren in das verlassene Gebiet rund um den Reaktor durchführen.

Man kennt deshalb auch die Bilder vor Ort: Die von Pflanzen überwachsenen Gebäude, der Betonsarg um den Reaktor herum, der unheimliche, verlassene Vergnügungspark mit seinem berühmte Riesenrad. Das Interesse an Touren zu diesen Orten ist zweifelsfrei durch die HBO-Serie gewachsen. Anbieter sagen, die Anfragen seien bis zu 35 Prozent gestiegen.

Fakt ist auch, dass dabei zuletzt Fotos entstanden, die aufgrund ihrer Respektlosigkeit um die Welt gingen. Vor allem das Foto einer jungen Frau, die oben ohne und im Tanga in der Sperrzone stand, ließ die Emotionen hochkochen. Eine Influencerin aus dem Weinviertel löschte ein anderes Posting, nachdem ein Foto davon auf Twitter herumging.

Und doch schoss die Kritik schnell ein wenig über das Ziel hinaus. Viele der „Influencer“, die angeblich für einen schnellen Like nach Tschernobyl jetteten, stellten sich als ganz normale, private Instagram-Nutzer mit wenigen Followern heraus. Teilweise stammten sie sogar aus der Ukraine und besuchten einfach nur den Ort der nationalen Katastrophe. Ob es wirklich ein massenweises „Strömen“ von Influencern an den Ort der Katastrophe gab, kann heute nicht sicher beantwortet werden.

Fotoalbum Instagram

Die Diskussion um die Disaster Selfies ist aber auch deshalb interessant, weil sie die Frage berührt, ob die Art, wie Instagram wahrgenommen wird, noch zeitgemäß ist ist. Im US-Magazin The Atlantic argumentierte die Autorin Taylor Lorenz, dass es bei der Plattform vielleicht vor fünf Jahren noch darum gegangen sei, alles in visuell ansprechender Weise aufzubereiten.

Mittlerweile sei Instagram und seine Ästhetik einfach der „Default Mode“, die Voreinstellung, mit der vor allem junge Leute Fotos machen würden. „Fotos im Stil von Influencer-Aufnehmen sind einfach die Art, wie wir heute unser Leben dokumentieren“, schrieb Lorenz. Daran sei nichts auszusetzen.

Tatsächlich gibt es gute Argumente, Instagram nicht mehr nur als Ort glamouröser Selbstdarstellung zu sehen. Das soziale Netzwerk hat über eine Milliarde aktive User im Monat. Es wird als Messenger-Dienst genutzt. Es hat andere Bild-Netzwerke wie Pinterest zumindest in die Nische gedrängt und gerade unter jungen Leuten Facebook abgelöst.

In Kombination mit den leistungsstarken Handykameras benötigen Urlauber nicht mehr zwingend eine klobige externe Kamera. Ein Instagram-Foto bedeutet heute nicht mehr unbedingt „Schaut, an was für einem wunderbaren Ort ich war“. Sondern es ist oft eben ein „Hier bin ich, ich mach mal ein Foto davon“. Als Teil eines digitalen Fotoalbums. So wie man früher eben Fotos mitbrachte, auch von den Orten mit tragischen Hintergründen. Das entbindet den Fotografen nicht von Zurückhaltung. Aber vielleicht muss ein Selfie auch nicht zwingend Respektlosigkeit bedeuten.

Historische Orte

Das Phänomen „Desaster-Selfie“ streift auch andere, große Fragen des Gedenkens. Zum Beispiel, wie viel Zeit vergehen muss, damit ein Ort ein historischen Ort wird und seinen unmittelbaren Schrecken verliert. Die Schlachtfelder des 30-jährigen Kriegs können heute besucht und studiert werden, sind aber gedanklich weit weg. Die wichtigsten Schauplätze des Ersten Weltkriegs sind hingegen immer noch Zeugnisse des Grauens des modernen Kriegs. Logisch erscheint, dass es zumindest mehrere Generationen braucht – also niemand mehr jemanden persönlich kennt, der unmittelbar Opfer einer Katastrophe geworden ist –, um Orten den persönlichen Bezug zu nehmen. Nicht zuletzt ähnelt die Diskussion vielen Debatten, die so alt sind wie der organisierte Tourismus selbst. Wie muss ich mich an Plätzen benehmen, die ich nur temporär betrete, die für andere Menschen aber eine Bedeutung haben, die ich vielleicht nicht verstehen kann? Diese Probleme werden aktueller, weil das Internet Momentaufnahmen potenziell in die gesamte Welt katapultiert. Aber im Kern sind die Fragen sehr alt. Genauso wie die Antworten. Im Normalfall hilft es, kein unsensibler Trottel zu sein. Ob man eine Handykamera in der Hand hat oder nicht.

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