Kultur
30.03.2018

Kapuzinerkresse als Rettung

Der englische Journalist Allan Jenkins entrollt in einem beeindruckenden Buch seine Kindheit wie ein Farnblatt

Er war fünf, und er erinnert sich jetzt, 60 Jahre später, unter Schmerzen an jene Zeit, in der er so „beschädigt“ war.
Aber er erinnert sich auch an den Sommer, als ihn jemand „haben“ wollte: Pflegeeltern, die den Buben Peter nannten.
Obwohl er Alan hieß.
Oder Allan mit zwei „l“? Und wieso war er nun ein Drabble? Früher war er ein Jenkins. (Viel später wird er erfahren, er war – auch – ein Beale; und ein O’Toole.)
Jedenfalls zeigte man dem Buben ein Fleckchen Erde, nur so groß wie ein Handtuch, aber es war die Welt. Und das Päckchen Kapuzinerkressesamen, das man ihm gab, war die Rettung.
Heute hat Allan Jenkins – Herausgeber eines Gourmetmagazins – einen Sommersitz in Dänemark und einen Schrebergarten in London, und man kann von ihm seit dieser Woche  lesen:
„Parzelle 29 liegt in einer Londoner Kleingartenkolonie, in der Leute zum Gärtnern zusammenkommen. Nur dass ich dort manchmal, neben Stundenblumen und Sauerampfer, eben auch Trost anbaue. Ich ziehe kleine Pflanzen so heran, wie ich als kleiner Junge gern umsorgt worden wäre. Ich biete Schutz gegen Eindringlinge, ähnlich wie damals, als ich versuchte, Christopher zu beschützen.“
Christopher war der wilde Bruder. Ihn wollte keiner „haben“ und umarmen. Er starb früh und unglücklich.


„Wurzeln schlagen“ heißt Allan Jenkins’ Buch. Es ist Tagebuch und Kindheitsgeschichte. So etwas hat es noch nicht gegeben: dass sich die Vergangenheit wie ein Farnblatt entrollt.
Dass einer beschreibt, wie er Fisolen hochzieht und die Samen der Wilden Rauke einsammelt, um Lichtblicke in die Düsternis zu setzen. Es sind Atempausen auch für die Leser. Allan Jenkins tut nicht nur sich selbst weh.
Die Pflegeeltern wollten ihn nicht mehr, als er in die Pubertät kam. Jimi Hendrix und Sex waren nicht ausgemacht gewesen mit der Heimleitung.
Mit 14 lernt Allan den angeblichen leiblichen Vater kennen – aber der ist’s nicht, er war nur kurz mit Mutter verheiratet.
„Es ist besser, wenn du nichts über sie weißt.“
Mit 30 erfährt er: Er hat zwei Schwestern. Und er sieht die Mutter. Missis Beale war ein Schock. Sie thronte vor ihm „wie eine fette, mit Gold behängte Spinne.“
Er glaubte ihr kein Wort.
In den Akten der Fürsorge las er: Schon mit zwei Monaten landete er zum ersten Mal im Heim, dann endgültig mit vier. Bei Mutter bekam er: Krätze, Herpes, Tbc.
Ein verwahrlostes Kind.
Allan Jenkins fand tatsächlich seinen Vater. Das Grab fand er. Er war Koch in Liverpool gewesen, Frank O’Toole. Der DNA-Test mit einem anderen Sohn O’Tooles gab Gewissheit.
Es war so schön, zu hören, dass dieser Mann geliebt wurde. Dass er ein guter Vater war.
Aber am Ende stand die Erkenntnis: Die Familie, die Allan Jenkins sein Leben lang gesucht hatte – das ist die Familie, die um ihn versammelt ist. Seine Ehefrau, seine  eigenen Kinder.
Zusätzlich braucht es nur noch Kapuzinerkresse.


Allan Jenkins:
„Wurzeln
schlagen“
Übersetzt von
Christel
Dormagen.
Rowohlt Verlag.
304 Seiten.
20,60 Euro.

KURIER-Wertung: **** und ein halber Stern

 

Vortrefflich sind Deutzien aus Sichuan

DER ENGLISCHE GÄRTNER. Robin Lane Fox schreibt seit 48 Jahren eine Gartenkolumne für die Financial Times. Althistoriker ist er auch, er hat „Alexander“ porträtiert, Oliver Stone für den gleichnamigen Film beraten, und auch in seinem aktuellen kaleidoskopartigen Buch „Der englische Gärtner“ merkt man, dass Gartln sehr viel mit Denken zu tun hat.
Bei allem Witz ist Fox in der Lage, Sätze zu schreiben wie: „Doch so schön ningpoensis ist, der absolute Favorit ist doch die vortreffliche Deutzie aus Sichuan Deutzia setchuenensis, vor allem die Varietät corymbiflora.“
Das klingt etwas anders als – siehe links – bei Allan Jenkins’ Gartengefühlen.
Sagen wir es so: Bei den Texten der Niederösterreicherin Ute Woltron hat man Lust, zu säen, zu pflanzen, zu ernten. Bei Robin Lane Fox will man eine Schale Tee trinken, lesen und an seinem enormen Wissen teilhaben – auch wenn man vielleicht nie zur Tat schreitet.
„Debbie ist eine gute Wahl für einen guten Topf, darf allerdings genau wie ‚Jury’s Yellow‘ nur sauren Kompost bekommen, Kalk  – sogar Leitungswasser – ist für diese Kamelie unbedingt zu vermeiden.“

 


Robin Lane Fox: „Der englische Gärtner“
Übersetzt von
Susanne Held.
Klett-Cotta.
457 Seiten.
32,90 Euro.

KURIER-Wertung: ****