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Kultur
07/31/2012

Kamtschatka - Von Marcelo Figueras

Marcelo Figueras hat es geschafft – zu recht gilt er heute als einer der wichtigsten modernen Autoren Südamerikas.

Es gibt nicht viele jüngere südamerikanische Autoren, die das Zeug haben, sich aus den Schatten der Großen zu befreien. Isabel Allende oder Gabriel García Márquez prägten und beherrschten unser Bild einer lateinamerikanischen Literatur für Jahrzehnte.

Der 1962 in Buenos Aires geborene Marcelo Figueras hat es geschafft – zu recht gilt er heute als einer der wichtigsten modernen Autoren Südamerikas. Als "Kamtschatka" 2006 – drei Jahre nach der Veröffentlichung des spanischen Originals – in deutscher Übersetzung erschien, rühmte etwa Elke Heidenreich den Roman in ihrer Sendung LESEN! als "zärtlich, sensibel und voll warmem Humor."

Die Geschichte spielt in Argentinien, sie setzt ein, als 1976 die letzte Militärdiktatur die Macht ergriff. Der Ich-Erzähler erinnert sich an diese Zeit, er war damals zehn, seine Mutter holt ihn mitten aus dem Unterricht – die Familie muss fliehen. Die Eltern verstecken sich und ihre Söhne – der jüngere, fünfjährige Bruder wird immer nur "Zwerg" genannt – in einem Landhaus. Was folgt, erinnert ein wenig an Roberto Benignis "Das Leben ist schön": Den Kindern wird Flucht und Verstecken als Spiel erklärt, das sei wie ein Kampf gegen Aliens, man dürfe sich wie ein Spion neue Namen aussuchen. So wird der Ich-Erzähler, dessen Idol der Entfesselungskünstler Harry Houdini ist, zu "Harry". Und Harry ist nicht dumm: Schon als Zehnjähriger spürt er die Ängste der Eltern, bemerkt die vergiftete Atmosphäre der Diktatur. Dennoch ist " Kamtschatka" ein unblutiges Buch. Zwar werden die politischen Zusammenhänge durchaus erläutert, aber die Perspektive des Kindes zwingt zum Zwischen-den-Zeilen-Lesen. Und ermöglicht immer wieder absurde Situationskomik – etwa wenn die Kinder der Großmutter eine tote Kröte in die Handtasche stecken. Marcelo Figueras setzt also auf einfühlsame, humorvolle Distanz, wenn er dieses menschenverachtende Kapitel seines Landes aufarbeitet.

Eine solch gebrochene Darstellung der Militärjunta nutzte bereits der Argentinier Manuel Puig in seinem Roman "Der Kuss der Spinnenfrau", wobei er als Mittel der Brechung und Distanz eine homosexuelle Ästhetik wählt. Beide Romane wurden übrigens erfolgreich verfilmt: Figueras schrieb selbst das Drehbuch für "Kamtschatka" – der Film gewann einen Publikumspreis auf der Biennale und wurde für den Oscar als bester ausländischer Film nominiert.

Kamtschatka selbst, dieses Land, eine "eisige Zunge, die Russland dem Pazifik zeigt", wird sowohl für Harry wie für seinen Vater zum Symbol von Rückzug und Freiheit. Besessen spielen die beiden TEG – eine argentinische Variante des ursprünglich französischen Brettspiels "Risiko" – und ziehen sich, wenn die gegnerischen Armeen zu stark sind, in dieses Land zurück. "Denn Kamtschatka war der Ort, wo man sein musste. Denn Kamtschatka war die Bastion des Widerstandes" – so lauten die letzten Zeilen des Romans. Für Harry und den Zwerg wird der fröhliche Landaufenthalt nicht besonders witzig enden. Obwohl die Eltern sich bemühen, mit TEG, Superman-Comics und Goofy das Spiel am Laufen zu halten, holt sie die politische Wirklichkeit ein.

Marcelo Figueras Buch wird sicherlich autobiografisch gefärbt sein: 1976 war auch er gerade einmal 14 Jahre alt und lebte, wie er in einem Interview erzählt, "in einer Welt der Filme, Comics und Bücher. Die Fassade war perfekt. Trotzdem war der Schatten jederzeit spürbar." Figueras arbeitete als Journalist, schrieb Kurzgeschichten und Drehbücher. Mit seinen bis heute vier Romanen schenkte er seinen Leserinnen und Lesern – trotz aller Schrecken – berührende Geschichten.

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