Kultur
07.06.2018

Julian Schnabel: Der Nicht-Fotograf der Stars

Der Multi-Künstler sprach über die Ausstellung seiner Polaroids in der Galerie Ostlichtund sein neues Filmprojekt.

„Ich hatte nie eine Kamera. Manchmal, wenn du stehen bleibst, um ein Bild zu machen, verpasst du ja das, was du eigentlich sehen willst“, sagt Julian Schnabel und erzählt dann von der Begegnung mit einem Touristenpaar, das vor dem Louvre mit einem Selfie-Stick hantierte. „Ich kann das Bild für Sie machen“, sagte Schnabel, nahm den Stick und machte ein Foto – von sich selbst.

Dem US-amerikanischen Maler und Filmregisseur (66) eilt der Ruf voraus, mit einem gesunden Ego gesegnet zu sein. Auch in Wien, wo die Galerie Ostlicht bis zum 4. August Schnabels großformatige Polaroid-Fotos präsentiert, pflegte er seine Star-Aura und ließ Journalisten erstmal warten, um dann doch noch ausführlich über sein Werk zu sprechen.

Große Gesten und Understatement verschwimmen auch in den Bildern selbst, die Schnabel mit einer raren, riesigen Kamera im Format von 20x24 Zoll aufnahm.

Direkt in die Linse

„Wenn man diese Kamera vor einen Gegenstand stellt, wird sie wiedergeben, was der Gegenstand wirklich ist – wenn man den Gegenstand scharf bekommen will, muss man die Kamera hin- oder wegbewegen, es ist eine sehr körperliche Art des Fotografierens“, erklärt Schnabel. „Wenn ich Filme mache, strebe ich auch nach einer Perspektive, die das Gefühl gibt, man würde das Geschehen selbst erleben. Auch wenn man vor einem Gemälde steht, ist nichts zwischen dem Bild und einem selbst. Als ich verstand, dass diese Kamera so funktioniert, bekam ich Lust, sie zu benutzen.“

Es seien also „sehr intime Bilder“, sagt Schnabel, „die meisten zeigen Menschen, die ich sehr gut kenne, etwa meine Tochter oder meinen Sohn.“ Auch Freunde kamen auf ein Foto vorbei, die Beastie Boys etwa, Lou Reed für das Cover seines Albums „The Raven“ (2003), Christopher Walken, Mickey Rourke: Schnabels hervorragende Vernetzung in der Welt der Stars kann und soll wohl auch gar nicht geleugnet werden.

Ohne Absicht

Auch einige jener Bilder, die laut Schnabel „ohne jede Absicht“ entstanden, zeigen das äußerst repräsentative Umfeld des Künstlers, der in den 1970er- und 80er-Jahren zu einem gehypten Star der Kunstwelt aufstieg: Einblicke in das zu einem venezianischen Palazzo umgebaute New Yorker Stadthaus Schnabels oder Aufnahmen seines Landsitzes in Montauk (Long Island) lassen durchaus Parallelen zu den Atelier-Bildern früherer Malerfürsten vom Schlage eines Hans Makart ziehen.

Die historische Anmutung, die sich durch die fotografische Technik ergibt, kostete Schnabel auch ganz bewusst aus. „Obwohl die Kamera in den 1970ern gebaut wurde, sehen die Bilder aus wie aus den 1950ern“, erklärt er nicht ohne Begeisterung. Für eine Serie reproduzierte Schnabel Bilder von Geisteskranken aus dem 19. Jahrhundert im Großformat, um die Zeitgrenzen noch weiter zu verwischen; manche dieser Bilder wurden noch auf Leinwandformat vergrößert und übermalt.

„Die Kamera arbeitet mit einer Emulsion, es findet eine Formung dieser Flüssigkeit statt, die oft nichts mit dem Abbildhaften zu tun hat“, sagt Schnabel. Hier spricht wieder der Maler, der sein Bildermachen als Teil eines Kontinuums von Ausdrucksformen begreift: „Ich habe mich auch nie wirklich als Filmemacher gesehen.“

Nichtsdestotrotz hat Schnabel, der u.a. für sein Werk „Schmetterling und Taucherglocke“ (2007) hoch gelobt wurde, einen neuen Film fast fertig gestellt: Es geht um die letzten beiden Lebensjahre des Malers Vincent Van Gogh.

„Es ist definitiv kein exaktes Biopic – das meiste davon ist erfunden“, erklärt Schnabel, der das geplagte Künstler-Genie an einer Stelle des Films zu seinem Arzt sagen lässt, dass er den Menschen durch seine Malerei „Hoffnung und Trost“ bringen will. „Der Arzt fragt ihn dann, was das heißt. Van Gogh sagt: ‚Ich glaube, dass die Art und Weise, wie ich sehe, realer ist und hilft, sich lebendiger zu fühlen‘“, rezitiert Schnabel. „Er hat diesen Satz nicht wirklich gesagt, es ist etwas, das ich ihn sagen lassen wollte. Und wenn er für Van Gogh gilt, ist er für mich wahrscheinlich auch okay.“