Kultur
09.12.2011

Julian Barnes: Richtig erinnern ernüchtert

Es ist der bisher beste Roman des Briten und der unangenehmste. Es geht darum, wie man sich die Vergangenheit zurechtbiegt, um ein netter Mensch zu sein.

Nichts Besseres kann passieren, als dass jener Mensch, mit dem man dieses verstörende, böse, traurige Buch lang zusammenlebt, unsympathisch ist.

Tony Websters besonderes Kennzeichen ist das Mittelmaß. Mit dem fiebert man nicht mit.
Ob der noch etwas dazulernen kann im Alter, ist einem herzlich egal.
Wenn es dem Pensionisten jetzt leid tut, dass er seinerzeit an einer Gabelung den falschen Weg betreten hat ... sein Problem.

Die Londoner Romanfigur Tony Webster, die "Vom Ende der Geschichte" erzählt, wird niemanden davon ablenken, beim Lesen ständig an sich selbst und die eigene Vergangenheit zu denken.

Erinnerungen haben selten eine Bestätigung beigeheftet. Man lügt sich etwas zusammen, redet sich eine Version ein – mit den Jahren gibt es immer weniger Leute, die das Ganze infrage stellen könnten.

Das ist keine neue Erkenntnis. Aber es wird zu etwas Neuem, wenn sich der 65-jährige Julian Barnes darum kümmert. Ende Oktober hat der frankophile Engländer damit den Booker-Preis 2011 gewonnen.

Beschönigen

Im ersten Teil berichtet Tony Webster von seiner Schulzeit. Adrian war sein Freund. Ein genialer Kopf. Und Veronica war kurz seine Freundin. Eine geheimnisvolle Frau. Webster hat später etwas Gegensätzliches geheiratet, eine "Frau von Klarheit".

Sein Bericht beschönigt: Er habe Veronica damals stehen lassen, und als Adrian dann mit ihr etwas angefangen hat – naja, selber schuld, der Kerl. Jedenfalls "alles okay, altes
Haus!".

Adrian hat sich bald darauf umgebracht – er war halt ein Philosoph, so von der Art: Dass ich am Leben bin, war als Geschenk gedacht, aber nein, danke, ich nehme das Geschenk nicht an.
Schnitt.

Was im zweiten Teil auf uns zukommt (und hier, mit einer Ausnahme, nicht verraten wird), hat die zusätzliche Qualität eines Thrillers.

Der alte Webster erbt nämlich nach 40 Jahren das Tagebuch des einstigen Freundes. Und sieht sich mit dem eigenen Brief konfrontiert, in dem er die Verliebten – also Veronica und Adrian – verflucht hat, in der Hoffnung "auf bleibende Schäden" für beide.
So schaut es aus, wenn man einen Beleg hat.

Realismus ist nur eine Manier, den Dingen aus dem Weg zu gehen; und wer sich verantwortungsbewusst nennt, ist vielleicht bloß zu feig ... auf 170 Seiten türmen sich Wahrheiten.

Und große Gefühle, die mit den Jahren verloren gehen. Wenn man sich erinnert, ist es erregend. Wenn man sich richtig erinnert, ist es – ernüchternd? ( Peter Pisa)

 

KURIER-Wertung: ***** von *****

Jeffrey Eugenides - "Die Liebeshandlung"

Bücher sind nur Bücher über andere Bücher, sagt ein Student auf einer der ersten von mehr als 600 Seiten.

Folglich ist "Die Liebeshandlung" ein Buch über die Romane Jane Austens, Henry James’, George Eliots – über die englischen Liebesromane, von denen man sagt: Nur in ihnen gibt es das Glück der Liebe; und das Glück einer Heirat; und keine Rede von Scheidung.

Der 51-jährige griechisch-stämmige US-Schriftsteller Jeffrey Eugenides bemüht das Viktorianische, um eine amerikanische Dreiecksgeschichte aus den 1980er- Jahren zu erzählen.

Ein mutiges Vorhaben. Der große Erfolg von "Middlesex" (Pulitzer-Preis 2003) – die Lebensgeschichte eines Hermaphroditen – machte ihn wohl schreiberisch noch unternehmungslustiger.

Madeleine Hanna heißt seine Literatur-Studentin. Die 22-Jährige fesselt zwar nicht unbedingt mit ihrer Ausstrahlung die Leser, aber immerhin zwei kluge, junge Männer.

Der eine, Mitchell, ist ein "guter Latsch", für Madeleine ein Freund unter Anführungszeichen. Er wird nach Indien flüchten, weil sie nicht und nicht kapieren will, dass sie füreinander bestimmt sind.

Der andere, Leonard, ist der Charismatiker in der Runde. Aber manisch-depressiv ist er leider auch.

Bei Jane Austen hat’s das nicht gegeben, doch Eugenides schafft ein Buch, in dem eine Frau den Falschen heiratet und danach der Richtige für sie da ist, wissend, dass sie so rasch kein zweites Mal heiraten wird.

Das Problem ist, da steht so viel Unnötiges drinnen. Jede Menge Nichtssagendes, Aufgeblähtes, das einem irgendwann die Freude nimmt.

Wenn z. B. Leonard den Gürtel von Madeleines Bademantel löst und in sie eindringt, dann ist er "er selbst" und "nicht er selbst". Danke für die klaren Worte. So wird jede Kurzgeschichte zum dicken Wälzer.  (P.P.)

 

KURIER-Wertung: *** von *****

Robert Harris - "Angst"

Also, das hat schon was: Da wird der Eigentümer eines 60-Millionen-Dollar-Hauses durch ein Geräusch aus dem Schlaf gerissen, er geht in den Garten – und sieht von draußen durchs Küchenfenster, wie ein Fremder Messer aus der Lade nimmt und sie im elektrischen Schleifer schärft.

Aus mehreren Gründen heißt der neue Roman des britischen Bestsellerautors Robert Harris "Angst".

Alex Hoffmann, das ist der Superreiche, wird bald noch mehr zittern, weil er selbst anscheinend den Einbrecher in seine Genfer Villa gebeten hat.
Was ziemlich krank ist.

Und "Angst" ist ein Börsenthriller, der nur ein bissl über den 6. Mai 2010 spekuliert. Damals zitterten Investoren und Broker tatsächlich, weil innerhalb von Minuten Millionen Aktien gehandelt wurden. Der Dow Jones sank um 1000 Punkte, gleich darauf stieg er um 600 ... man weiß bis heute nicht, warum. Vielleicht waren Computer dafür verantwortlich.

"Unser" Hoffmann – Physiker, Mathematiker, Hedgefonds-Manager – hat ein Programm entwickelt, das selbstständig arbeitet und selbst dazulernt. Es schafft locker 70 Millionen Dollar Profit am Tag, indem es den wesentlichsten Faktor an den Märkten berücksichtigt: die Angst.

Diese Software führt sich auf wie Frankenstein, und man selbst wird beim Lesen von Seite zu Seite unruhiger – bis man am Ende fälschlicherweise glaubt: ’s ist eh alles Blödsinn. Daran ist Harris schuld: Er trägt entsetzlich dick (und filmgerecht) auf. Explosion und Feuer und ein Hoffmann, der brennend von Dach zu Dach springt ... pfui. (P.P.)

 

KURIER-Wertung: **** von *****

Douglas Coupland - "JPod"

In diesem Buch springt der Text den Leser nicht an, er muss ihn suchen. Zwischen Zahlen, Spammails und Werbeschaltungen.

Die Geschichte spielt im JPod, wo Computerspiele entwickelt werden. Die Neue, Kaitlin, braucht eine Weile, bis sie sich an den Ablauf im Pod gewöhnt, wo sie nur gelandet ist, weil ihr Nachname mit J beginnt. Zitat: "Ich bin Character Animator mit einer Wahnsinns-Berufserfahrung, habe schon bei zwei anderen großen Firmen gearbeitet, aber keine von denen hätte mich je in so ein sibirisches Drecksloch wie dieses hier mit einem Haufen durchgeknallter Spinner gesetzt."

Gemeint sind John Doe, die sexsüchtige Bree, Devil Mark, der nach Hustensaft süchtige Cowboy und die Hauptfigur, Ethan, der Kaitlins Freund wird. Arbeiten die Kollegen nicht am Skateboardspiel, schreiben sie Listen, Partneranzeigen an Ronald McDonald oder eBay-Verkaufstexte über sich selbst.

Daneben gibt es auch ein reales Leben, in dem Ethan seiner Mutter hilft, eine Leiche wegzuschaffen und seinen Firmenchef Steve aus einer chinesischen Schuhfabrik zurückholt. Doch das nur am Rande. In Wahrheit ist für die Technikfreaks ein Leben nur im Pod möglich. So sinniert Ethan, was ihm fehlen würde, wenn er älter wäre und Kinder hätte: "Wo ist die vor Schlafentzug spinnende, mit Pepsi betankte Ein-Punkt-Null-Umgebung, die man nur erschaffen kann, indem man kein grünes Gemüse isst, keinen Sex und kein Leben hat?"

Dem Kanadier Coupland ist 1991 mit seinem Erstlings-Roman "Generation X" ein viel beachtetes Werk gelungen, das einer ganzen Generation ihren Namen gegeben hat. In "JPod" schreibt er über die 20-, 30-Jährigen einer spielsüchtigen, konsumorientierten, aber sonst orientierungslosen Generation. Spiel und Wirklichkeit gehen nahtlos in einander über:
"Noch einmal spielen?
J/N"
( Ulla Grünbacher)

 

KURIER-Wertung: **** von *****