Jüdische Sakralarchitektur: Ein Tempel als Symbol der Emanzipation

Synagoge in Wien.
Neue Dokumentation des Leopoldstädter Tempels. In Wien verschwunden, als Stilkopie anderswo zu besichtigen.

Er war mehr als nur ein ungewöhnliches Gebäude im maurischen Stil nach Plänen von Ludwig Förster. Der Leopoldstädter Tempel in der Wiener Leopoldstadt, Baujahr 1854 bis 1858, war als bewusst monumentales Bauwerk ein Meilenstein in der Geschichte der jüdischen Emanzipation und Architekturgeschichte in der Monarchie.

Ein großes, prächtiges Gotteshaus mit 2.240 Plätzen entstand im Stil des historisierenden Klassizismus: mit orientalischen Elementen wie Hufeisenbögen, emaillierten farbigen Ziegeln wie in Persien, reich dekorierten Fassaden und exotischen Motiven. Für die byzantinischen und arabischen Ornamente ließ sich der Architekt eigens originale Vorlagen aus Syrien, Kairo und Algier schicken.

Was die Nazis im November 1938 in der Reichspogromnacht zerstörten, ist nun in einer Dokumentation von Hermann David Karplus in seiner Bedeutung nachzuvollziehen – das Ergebnis intensiver Recherchen in Karplus’ letzten zehn Lebensjahren.

Hermann David Karplus.

Hermann David Karplus: „Der Leopoldstädter Tempel“.

„Alles begann nach einem Herzinfarkt und mehreren Operationen“, erinnert sich seine Witwe Dalia Feuchtwanger-Karplus im KURIER-Gespräch: „Mein Mann ging täglich zu Fuß in die Central Archives for the History of the Jewish People in Jerusalem.“

Archiv in Jerusalem

Karplus entdeckte verloren geglaubte Pläne und Dokumente im Archiv der Wiener Kultusgemeinde in Jerusalem. Sein Wissen um lokale Gegebenheiten, sein historisches Wissen zur österreich-ungarischen Monarchie, seine unglaublich analytische Kraft hat es ermöglicht, das Archivmaterial zusammenzuführen und so ein bedeutendes Kapitel der Wiener Stadtgeschichte  zu erzählen.

Das Buch „Der Leopoldstädter Tempel“ zeichnet ein Bild der Situation der Juden in Wien, liefert eine detaillierte Bau-Chronik, berichtet über den interessanten Ritualstreit  und stellt die wichtigsten Persönlichkeiten der Gemeinde vor: Rabbiner und Prediger, Kantoren und Tempelkommissare.

Der Kampf um eine Orgel im Tempel  führte zum für Wien typischen Kompromiss, dass Orthodoxe sagen konnten: „Am Schabbat und an Feiertagen wird kein Instrument gespielt.“ Und Liberale: „Wir haben eine Orgel wie in einer Kathedrale.“

Humor

„Es gibt viel Humor in dem Buch“, sagt Feuchtwanger-Karplus. Wien war  stilbildend für die europäische Synagogenarchitektur. Zeitgleich in den 1850er-Jahren bekam Budapest – ebenfalls nach Plänen des Wiener Architekten Ludwig Förster die „Große Synagoge“ in der Dohány utca (deutsch: Tabakgasse), deshalb auch „Tabaktempel“ genannt. Mit 3.000 Sitzplätzen ist sie die zweitgrößte Synagoge der Welt und wurde in den 1990er-Jahren mit finanzieller Hilfe des Hollywoodstars Tony Curtis aufwendig renoviert.

Wiens Tempel war  u. a.  auch Vorbild für die aktive und öffentlich zugängliche Choral-Synagoge in Bukarest, die Spanische Synagoge in Prag sowie die Tempel-Synagoge im historischen Kazimierz-Viertel in Krakau.

Und wie hängen Leopoldstädter Tempel und Votivkirche zusammen? 
Gabriele Kohlbauer-Fritz, Kuratorin im Jüdischen Museum Wien:  „Der Schriftsteller und Journalist Ludwig August Frank brachte aus Jerusalem den  Schlussstein für den Tempelbau nach Wien.“ 

Und der Kaufmann und Orientalist Moritz Schnitzer soll einen Stein vom Ölberg für die Votivkirche gestiftet haben.

INFO: www.tempel-leopoldstadt.com

Kommentare