© Reinhard Öhner

Literatur
03/30/2019

Jüdische Geschichte, aus der Vergangenheit geholt

"Mein Name ist Judith" von Martin Horváth: Altes und Künftiges gehen ineinander über, wenn ein totes Kind auftaucht.

von Peter Pisa

Die Vergangenheit ist nicht tot, und das ist spätestens dann zu spüren, wenn ein fremdes Mädchen, so um die zehn Jahre alt, plötzlich in deiner Wohnung sitzt.
Ihr Name ist Judith.
Es war einmal IHRE Wohnung.  Judith sagt, es ist noch immer ihre. Und unten im Haus, da war / ist eine Buchhandlung, die gehört(e) Judiths Vater. Die jüdische Buchhandlung Klein.
Aber das war, bevor Hitler kam! Vor der „Arisierung“.
Die Vergangenheit ist nicht einmal vergangen (wie schon William Faulkner 1951 festgeschrieben hat).

Nur berühren

Eine Geistergeschichte. Man mag hier gar nicht viel darüber reden, zu tief ist  man in ihr versunken.
Der Wiener Martin Horváth, dem seit seinem ersten Roman  „Mohr im Hemd“ (über die Flüchtlingsproblematik) viel zuzutrauen ist, scheint jeden Satz einer speziellen Kontrolle zugeführt zu haben.
Berühren soll er, aber niemals darf er sich als falsche Schlange an unseren Hals werfen.
Was bei einer Handlung wie in „Mein Name ist  Judith“  nicht ganz einfach ist.
Denn was wird der namenlose Erzähler mit Judith jetzt machen? Ewas zu Herzen Gehendes gewiss.
Er ist Historiker und Schriftsteller und kennt die Geschichte des Hauses, er ist sogar mit amerikanischen Verwandten der vertriebenen Familie Klein befreundet.
Über Judith ist nur bekannt: Man meinte es gut und hatte sie auf Kindertransport in die Niederlande geschickt ... wo allerdings bald danach die Wehrmacht einmarschierte und Judith verschwand.
Gemeinsam schreiben der Erzähler und Judith  Briefe an Judiths Eltern (die er in der Wohnung versteckt).
Und er schreibt Briefe der Eltern an Judith: „Herzallerliebste, wir sind so froh, dass du lebst  ...“
Vielleicht kann er die Realität dadurch  korrigieren. Vielleicht hat Judith seine  Realität verändert:   Tochter und Ehefrau des Mannes, so erfährt man nebenbei, wurden nämlich Opfer eines Terroranschlags.
In Judith sieht er manchmal sein Kind Hanna auferstehen.
Das ist  die zweite Ebene, die einen  ordentlich durchbeutelt.
Fehlt noch: Der Roman spielt in unmittelbarer Zukunft. Es wird  Jagd auf Ausländer gemacht.
Martin Horváth schreibt so, dass Altes und Künftiges ineinander übergehen: Die Buchhandlung  wird angezündet, draußen stehen lächelnd und tatenlos Feuerwehrleute ... und in die Greißlerei eines „Fremden“  werden Brandsätze durch die Auslagenscheibe geworfen, damit er „unser“ Land verlässt.
Viel wird im Buch zugemutet: die Wahrheit.  Dazu gehört, dass  von den Vertriebenen  etwas in ihren  alten Wohnungen zurückbleibt. Zumindest Erinnerungen.

Der Autor liest  am Mittwoch, 3. April, um 19.00 Uhr im Veranstaltungssaal in der Hauptbibliothek am Gürtel, Urban-Loritz-Platz 2a, aus seinem Roman vor.

Martin
Horváth: „Mein Name ist Judith“
Penguin Verlag.
368 Seiten.
22,70 Euro.

KURIER-Wertung: **** und ein halber Stern

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