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Literatur
07/07/2019

Joseph Zoderers neuer Roman: Süchtig nach der Illusion, die Liebe heißt

Der Südtiroler bringt in "Der Irrtum des Glücks" einen über 70-Jährigen mit einer 40-Jährigen zusammen.

von Peter Pisa

Der Südtiroler Joseph Zoderer - Foto oben -  ist 83, es ist verständlich, wenn er sich mit der Vergänglichkeit beschäftigt. Es gibt ein Gedicht von ihm:
Das Haus der Freunde
jetzt ein Totenhaus
mit leeren Fenstern
Erinnerungen verdorren
wie Gräser im Herbst


Also aus, Schluss, tot?
Schauen wir einmal ...
Zoderer hat gleichsam als Aufbegehren mit „Der Irrtum des Glücks“ einen Roman – besser: ein Zwiegespräch mit sich selbst – über eine „Wahnsinnsliebe“ geschrieben:
Ein Mann, Mitte 70, und eine Frau, um die 40. Sie ist verheiratet. Über sie wird man wenig erfahren. Er  heißt Alexander und fragt sich ständig, wie denn das alles möglich sein kann.  
Was Liebe ist.
Nur eine Illusion, davon ist Alexander überzeugt. Aber der Mensch ist halt ... illusionssüchtig.

Dazwischen

Zoderer, ein „österreichischer Schriftsteller mit italienischem Pass“, wurde in den 1980ern mit „Die Walsche“ berühmt:
Eine Südtirolerin, die zum Begräbnis ihres Vaters ins Heimatdorf am Berg zurückkommt, wird gemieden, geschnitten, ausgeschlossen. Nicht einmal der Herr Pfarrer setzt sich zu ihr an den Wirtshaustisch.
Denn sie hat „unten“ in der Stadt (Bozen) einen Italiener geheiratet.
 („Was bin ich, was mach ich und wo gehöre ich hin?“)
Joseph Zoderer hat sich oft das Dazwischen-Sein genau angeschaut. Das Schweigen hat er reden lassen.
Er ist mehr als „Die Walsche“. Der Tiroler Haymon Verlag legt zusammen mit dem Archiv der Innsbrucker Universität Zoderers Werke  in 15 kommentierten Einzelbänden neu auf.
Zum Beispiel „Dauerhaftes Morgenrot“, sein Lieblingsroman aus dem Jahr 1987, in dem er – in Bildern – Fragen stellte und freilich unbeantwortet ließ.
Ist Einsamkeit nichts anderes als Sehnsucht nach Sehnsucht?
Ist denn vielleicht Sehnsucht selbst die Erfüllung?
Auch das aktuelle Buch „Der Irrtum des Glücks“  umkreist diese Gedanken und wird zu einem gefühlvollen Sturzbach, mitunter durchaus penetrant.
Alexander, der erloschene Krater (wie er selbst sagt), spürt, wie er heiß wird. In einzelnen Sätzen genossen, ist die Leidenschaft, während das Haus der Freunde jetzt ein Totenhaus ist (siehe Gedicht), etwas sehr Schönes:
„Ich liebe sie hinter den Wolken und zwischen den Sternen.
Eine „Wahnsinnsliebe“, der er sich einerseits  hingibt, andererseits ständig zweifelt. Warum liebt sie denn ausgerechnet ihn? WAS liebt sie an ihm? In den Spiegel schaut sich Alexander gar nicht gern.
Die Angst, „die Frau“ wird den Alten  tot liegen sehen, könnte unbegründet sein. Manchmal sterben 40-Jährige früher ...


Joseph Zoderer:
„Der Irrtum
des Glücks“
Haymon Verlag.
184 Seiten.
19,90 Euro.

KURIER-Wertung: *** und ein halber Stern