Kultur
24.06.2018

Jazz-Sensation: John Coltranes verschollenes Album

Aufnahmen des legendären Saxofonisten sind nach Jahrzehnten aufgetaucht. Der KURIER besuchte das Studio, aus dem sie stammen.

Die New York Times durfte die Sensation als Exklusivnachricht zuerst verkünden. Und die Jazz-Welt hatte einen beispiellosen Aufreger.

Von John Coltrane, dem stilprägenden und wohl größten Saxofonisten der Jazzgeschichte, der im Jahr 1967 im Alter von nur 40 Jahren gestorben ist, erscheint jetzt ein komplettes verschollenes Album.

Und „Both Directions At Once – The Lost Album“ (Impulse! Records/Universal) ist keine Archivplünderung oder Restlverwertung, wie sie sonst oft von Musikern posthum auf den Markt geworfen wird, sondern die Entdeckung von hervorragend produzierten Studioaufnahmen für ein fast fertiges Album – mit nie zuvor gehörten Coltrane-Originalen.

Studio-Besuch

Nur eine gute halbe Stunde dauert die Busfahrt von Manhattan auf die andere Seite des Hudson River nach Englewood Cliffs in Hackensack, New Jersey: Hinter Bäumen abgeschirmt liegt das legendäre, komplett aus Zedernholz gestaltete Studio des vor zwei Jahren verstorbenen Tonmeisters Rudy Van Gelder. Wo viele wegweisende Platten der Jazzgeschichte zwischen 1954 und 1970 entstanden sind. Wo noch immer der Steinway-Flügel steht, an dem Generationen von hochkarätigen Pianisten wie McCoy Tyner bis Herbie Hancock saßen. Wo Sounds konserviert wurden, die um die Welt gegangen sind.

In diesem Ambiente spielte Coltrane am 6. März 1963 mit seinem klassischen Quartett – McCoy Tyner (Piano), Jimmy Garrison (Bass) und Elvin Jones (Drums) – Material in unterschiedlichen Konfigurationen ein. Abends nahm er ein Referenzband mit in sein Haus in Queens, wo er damals mit seiner ersten Frau Naima wohnte. Dort blieb das Band 54 Jahre lang unbeachtet und geriet in Vergessenheit. Das offizielle Masterband ging verloren.

Zwei der sieben Tracks dieser Session hatten noch keinen Titel. Deshalb wurden sie auf „The Lost Album“ mit den Bandnummern „Untitled Original 11383“ (ein Blues mit einem gestrichenen Bass-Solo) und „Untitled Original 11386“ (eine Referenz an Coltranes Fassung des Musicalhits „My Favorite Things“) benannt. Coltrane ist beide Male am Sopransax zu hören.

Tradition – Aufbruch

Die anderen Stücke spielte das Quartett damals oft live: Das elegante, noch ganz der Jazz-Tradition verpflichtete „Vilia“. Oder „Impressions“, eine der bekanntesten und meist aufgenommenen Kompositionen Coltranes: Sie ist hier in einer Trio-Version ohne Klavier eingespielt; außerdem das kraftvoll straight hingebügelte „One Up, One Down“, das erstmals als Studioaufnahme vorliegt – und bisher nur als Bootleg-Live-Aufnahme aus dem Birdland bekannt ist.

Die sieben Master Takes sind in der von Coltranes Sohn Ravi kuratierten CD- & LP-Standardausgabe enthalten. Sieben Alternate Takes dieser Nummern befinden sich zusätzlich auf der zweiten Scheibe der Deluxe-CD bzw. -LP.

„Keine Frage. 51 Jahre nach seinem Ableben löst jede neue Musik von John Coltrane Begeisterung aus. Ja, sogar schwere Begeisterung“, meint der Coltrane-Biograf Ashley Kahn zum sensationellen Fund: „Vor allem, wenn es sich um erstklassig produzierte Studioaufnahmen handelt, die der Öffentlichkeit zum ersten Mal zugänglich gemacht werden.“

Und wie ist die bedeu-tendste Jazz-Entdeckung der letzten Jahre einzuordnen?

Sie entstand am Vortag der Session für das berühmte „John Coltrane And Johnny Hartman“-Album und in der Planungsphase des Album-Klassikers „Impressions“ – und zeigt mit einem Bebop-Echo und Anklängen an Miles Davis’ „Kind of Blue“ (1959) den „klassischen“ Coltrane und sein Quartett in Hochform.

Zum alle Grenzen sprengenden Avantgardist, schrill, extrem und experimentierfreudig, wird „Trane“ erst später. „Ascension“ vom Februar 1966 ist Free Jazz pur.

Aber auch schon sein 1964 ebenfalls in Rudy van Gelders Studio eingespieltes Meisterwerk „A Love Supreme“, das weit über den Jazz hinaus die Musik und die Kultur des Westens geprägt hat, ist nicht unbedingt leichte Kost.

Karriere-Wendepunkt

„Both Directions at Once“ markiert den Schnittpunkt zwischen Alben wie „Giant Steps“ (1960) oder „My Favorite Things“ (1960) mit bedeutenden Modern-Jazz-Aufnahmen, zugleich Höhepunkt von Coltranes „klassischer“ Periode, und seinem Aufbruch in die Stratosphäre der totalen Freiheit mit einen Teil seines Publikums irritierenden und verstörenden radikalen und ungestümen Auftritten.

Er komponierte wie ein Berserker. Wegbegleiter Wayne Shorter erklärt den Kreativprozess bildsprachlich: „Er zog sich die Klamotten aus, die er nicht mehr tragen wollte.“ Keiner spielte intensiver als Coltrane. Schließlich hat er den Klang und die Wahrnehmung des Jazz für immer verändert.

Sein Sohn Ravi, Jahrgang 1965, wurde als Saxofonist anfangs mehr von seiner Mutter Alice geprägt, einer Pianistin und John Coltranes zweiter Frau. „Aber die Musik meines Vaters ist für mich wie für wohl alle Saxofonisten Inspirationsquelle und Antrieb“, sagt Ravi im KURIER-Gespräch. „Hätte es seine Musik nicht gegeben, würde ich nicht Musik machen. Ich glaube, entweder findet dich diese Musik. Oder aber du findest sie.“

Und wie kommt es, dass Coltrane in „Vilia“ plötzlich eine Melodie aus Franz Lehár Operette „Die lustige Witwe“ zitiert und zur Ballade ausformt?

„Die Jazz-Musiker hatten immer schon ein offenes Ohr für alle möglichen Einflüsse“, sagt Ravi Coltrane. „Deshalb ist es nicht verwunderlich, dass Lehár hier auch für den Jazz adaptiert wurde. Man darf ja nicht vergessen: ,Die lustige Witwe’ war ein Welterfolg, also diese Musik auch in Jazz-Kreisen bekannt. Und Lehár hat schöne Melodien geschrieben.“