© imago/El Mundo/imago stock&people

Kultur
05/25/2019

Javier Marias' nächster Roman gegen die Infantilität

"Berta Isla" ist Flanieren im Kopf mit einem Ehemann, der selten daheim ist – weil Spion. Langweilen ist zwischendurch möglich.

Tom Nevinson, halb Spanier, halb Engländer, arbeitet als Spion.
Man wird nie erfahren, was  er gemacht hat, auf den Falklandinseln, in Berlin, in BelfastRussland ...
Traurig sei sein Job, sagt er einmal zu seiner Ehefrau. Er vergesse das Erlebte rasch: Viel mehr sagt Tom nicht.
Warum schreibt  Javier Marías - Foto oben - dann mehr als 600 Seiten?

Warten

Weil er will, dass man sich für ihn Zeit nimmt. Romane, auf die man sich einlassen muss, sind sein Zeichen gegen die zunehmende Infantilität.
Außerdem ist er keiner, der gern etwas weglässt. Das kann er nicht, das schaffen wenige  Schriftsteller.
Es ist Flanieren im Kopf, wie immer beim Nobelpreis-Kandidaten aus Madrid, der seit „Mein Herz so weiß“ (1992) weltberühmt ist.
Flanierend lernt man die Menschen kennen. Wie sie täuschen, wie sie getäuscht werden. Der 67-Jährige scheint die Menschen gut zu kennen.
Berta Isla“ ist vor allem das Warten von Doña Berta Isla auf ihren Mann, den Spion.
Als Tom in Oxford studierte, hatte er eine ältere Geliebte, und eines Tages kam ein Kriminalbeamter zu ihm: Sie sei mit ihrem Strumpf stranguliert worden.
Tom geriet  unter  Mordverdacht, da ließ er sich  vom britischen Auslandsgeheimdienst M 16 rekrutieren. Das bot Schutz vor der Justiz, und die Behörde war froh über den Neuzugang, denn Tom ist ungemein sprachbegabt.
Kurzfristig zurück in Madrid, heiraten er  und seine Schulfreundin Berta  ...  und weg ist er. Oft ist er weg. Tage, Wochen, Monate. Dazwischen werden zwei Kinder gezeugt. Berta ist zunächst ahnungslos, was Tom genau treibt (Außenministerium?), und als sie die Wahheit erfährt, beruhigt sie ihr Mann und schweigt.
Wenn er da ist.
Dann veschwindet er für zwölf Jahre. Er wird offiziell für tot erklärt. Aber er lebt irgendwo. Ist das ein großer Unterschied für Berta?
 „Berta Isla“ ist ein Spiel mit dem Genre des Spionageromans. Und ein Spiel mit der Unsicherheit.
Wahrscheinlich ist es ein ganz natürlicher Zustand, dass man ein Leben lang im Dunkeln tappt.
Die ersten und die letzten Kapitel sagen – fast – alles. Sie sind eine Freude.
Die dicke Mitte, vergleichbar mit dem weichen Inneren einer Semmel, der Schmolln, ist nicht jedermanns Sache.
Es ist jedenfalls kein Zeichen von Infantilität, wenn man sich streckenweise langweilt.


Javier Marías:
Berta Isla
Übersetzt von Susanne Lange.
S. Fischer Verlag.
656 Seiten.
26,80 Euro.

KURIER-Wertung: ****