© WMG/Moshe Nachumovich

Gespräch
12/10/2020

Israels Pop-Star Aviv Geffen: "Besser sprechen, als hassen!"

Der Friedenskämpfer und Hauptzeuge beim Rabin-Attentat will mit seinen Songs "Israel wieder in die Spur bringen"

4. November 1995. Friedensdemo am Platz der Könige Israels in Tel Aviv. Eine halbe Million Menschen hat zusammengefunden, und jeder Einzelne von ihnen glaubt an die Möglichkeit, in Frieden mit den Palästinensern leben zu können. Doch die Hoffnung darauf wird jäh zerstört. Um 21.30 Uhr wird der damalige israelische Premierminister, Friedensaktivist und Friedensnobelpreisträger Yitzhak Rabin von einem Extremisten erschossen.

Einer der Hauptzeugen dieses Attentats war der israelische Superstar Aviv Geffen. „Ich war bei der Demo aufgetreten und kurz danach ist es passiert – nur ein paar Meter von mir entfernt. Das hat mein Leben auf den Kopf gestellt. Denn der Attentäter hatte sich noch dazu als mein Bodyguard ausgegeben. Anders wäre er gar nicht so nah ran gekommen.“

Soeben hat Geffen eine TV-Serie über sein Leben bis zu diesem Zeitpunkt abgedreht, für die er das Drehbuch geschrieben hat. „Es geht dabei um die intensive Zeit bis zu dem Attentat“, erklärt er im Interview mit dem KURIER. „Denn als ich in Israel begann, war ich ein ungewöhnlicher Künstler. Ich war der Erste, der auf der Bühne Make-up trug, der Erste, der gegen die Regierung und gegen die Besetzung der Palästinenser-Gebiete angesungen hat. So wurde ich zum Sprachrohr einer neuen Generation, die Frieden erreichen will. Und damit ist diese Serie auch ein Porträt dieser Zeit der Hoffnung in Israel, bevor Benjamin Netanjahu an die Macht kam.“

Auch auf dem eben erschienenen Album „For The Music“ seines 2001 mit Englands Prog-Rock-Star Steven Wilson gegründeten Indie-Projektes Blackfield ist die Hoffnungslosigkeit, die Geffen nach dem Attentat überkam, ein Thema. „Die Single ,Summer’s Gone‘ handelt von der Veränderung nach diesem Attentat. Damals wurde der Traum einer ganzen Generation zerstört. Und ich versuche immer noch, Israel wieder auf Schiene zu bringen. Ich bin kein Pop-Sänger, ich bin ein sehr parteiischer Künstler, der eine klare Botschaft hat: Wir müssen zu einer Einigung mit den Palästinensern kommen. Ich weiß, dass sowohl die Israelis als auch die Palästinenser Frieden wollen, denn wie im Irak und in Syrien haben Blackfield auch in Palästina viele Fans, die mir das sagen. Wir müssen diesen blutigen Kreislauf durchbrechen – für uns und unsere Kinder!“

Musikalisch geht Geffen, der mehr als ein Dutzend Solo-Alben (meist in Hebräisch) veröffentlicht hat, mit „For The Music“ neue Wege und hat sich deshalb von Wilson getrennt. „Steven spielt auf diesem Album noch auf drei Songs Gitarre und singt mit mir. Aber erstens will ich in Japan, Südamerika und Europa auf Tour gehen können, ohne dabei von seinen anderen Plänen abhängig zu sein. Und zweitens bin ich mit A-ha und den Bee Gees aufgewachsen und halte Tame Impala für genauso wichtig wie Metallica. Ich finde deshalb, dass es nach fünf Alben mit demselben Sound Zeit für Blackfield ist, andere Einflüsse zuzulassen. Aber Steven will das nicht.“

So gibt es auf „For The Music“ ein paar Songs, die an das von Blackfield gewohnte melancholische Flair mit sanften Balladen-Klängen anschließen, aber auch ein paar, die viel poppiger und tanzbarer sind. Einer der Titel, die an die bisherige Karriere von Blackfield anknüpfen, ist „Garden Of Sin“. Dabei geht Geffen auf einen lang zurückliegenden Vorfall mit einem Fan ein.

„Er kam zu allen meinen Shows in Israel, beging dann aber Selbstmord. Die Polizei rief mich an und gab mir seinen Abschiedsbrief, denn der war an mich adressiert. Der Song ist ihm gewidmet. Ich habe ihn auf Hebräisch geschrieben. In dieser Version war er schon ein Riesenhit und ich dachte, es wäre schön, ihn auch in Englisch zu haben.“

Aber nicht nur mit Songs, auch mit Taten kämpft der 47-Jährige unermüdlich für Frieden. 2017 trat er mit dem in Köln im Exil lebenden iranischen Musiker Shahin Najafi auf, der Geffens Pendant in dem mit Israel verfeindeten Staat ist – ebenfalls ein Friedensaktivist, ebenfalls ein Enfant terrible.

Dass es nicht mehr Zusammenarbeit zwischen israelischen Musikern und jenen arabischer Staaten gibt, bedauert Geffen, kennt aber den Grund: „Meine Großmutter ist aus Syrien, aber ich werde dort wohl nicht so bald auftreten können. Das Problem ist: Wir in Israel haben eine Demokratie. Du kannst tun, was du willst und dich ohne Problem gegen alles und jeden aussprechen. Leute in Syrien, Iran oder dem Libanon haben keine derartigen Freiheiten. Sie müssen wie Shahin Najafi ins Exil, wenn sie sagen und tun wollen, was sie möchten.“

Würde Geffen gerne mit Netanjahu, den er als Tyrann bezeichnet und zum Rücktritt aufgefordert hat, über seine Anliegen sprechen? „Sicher. Es ist immer besser, zu sprechen, als zu hassen.“

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