Kultur
26.09.2018

Interview mit Penélope Cruz: Altes Geheimnis, neue Wunde

Penélope Cruz spielt in dem Drama „Offenes Geheimnis“ von Oscarpreisträger Asghar Farhadi eine verzweifelte Mutter.

Der iranische Regisseur Asghar Farhadi, seit „The Salesman“ zweifacher Oscarpreisträger, hat erstmals in Spanien gedreht. Und zwar nicht mit irgendwem, sondern mit dem spanischen Star-Pärchen Penélope Cruz und ihrem Ehemann, Javier Bardem. In „Offenes Geheimnis“ (ab Freitag im Kino) spielen sie ein ehemaliges Liebespaar, Laura und Paco, das längst getrennte Wege geht, aber freundschaftlich verbunden ist. Laura kommt anlässlich der Hochzeit ihrer Schwester zurück in ihr spanisches Heimatdorf. Als während der Festivitäten ihre Tochter verschwindet, brechen alte Familiengeheimnisse und neue Wunden auf.

Ein Gespräch mit Penélope Cruz über Panikattacken, Movies und Mode.

KURIER: Frau Cruz, in „Offenes Geheimnis“ spielen Sie eine Rolle, in der Sie sich über weite Strecken in emotionaler Auflösung befinden. Anstrengend?

Penélope Cruz: Sehr. Dreiviertel des Films durchlaufe ich eine Gefühlsskala zwischen Angst, Depression, Verzweiflung und Wut. Meine Filmfigur steht davor, die Person, die sie am meisten liebt, zu verlieren. Es wäre daher gelogen, würde ich jetzt so tun, als wäre das ein Kinderspiel gewesen. Noch dazu ist Asghar Farhadi ein sehr anspruchsvoller Regisseur, der sehr viel von seinen Schauspielern verlangt. Er möchte uns vergessen machen, dass wir an einem Spielfilm arbeiten. Stattdessen soll es sich wie eine Doku anfühlen.

Angeblich brauchten Sie am Set sogar einen Rettungswagen?

Ja, das war, als ich eine Panikattacke spielen musste. Wir haben die Szene wieder und wieder gedreht, und irgendwann litt ich wohl unter Sauerstoffmangel. Als ich aus dem Auto ausstieg, wäre ich fast in Ohnmacht gefallen. Das war der Moment, wo mein Körper sagte: „Stopp.“ Aber ich will deswegen kein großes Theater machen. Außerdem war es irgendwie auch lustig. Asghar war zuerst um mein Wohlergehen besorgt, doch kaum sah er, dass es mir gut ging, fragte er sofort: „Können wir die Szene noch einmal drehen?“ Das liebe ich so am Schauspielen: Man kann einfach nicht genug bekommen.

Wie kam es zu der Zusammenarbeit mit Asghar Farhadi?

Er rief uns vor fünf Jahren an und erzählte uns von dem Projekt. Ein Jahr später schickte er uns einen ersten Entwurf, ein weiteres Jahr später das Drehbuch. Dann übersiedelte er nach Spanien, wo er zwei Jahre lang lebte und die Sprache studierte.

Was ist Ihrer Meinung nach die Essenz von „Offenes Geheimnis“?

Es wird in komplexer Schönheit über menschliches Verhalten und darüber erzählt, in welchen Beziehungen wir zu einander und zu uns selbst stehen und mit unserer Vergangenheit und ihren Geheimnissen umgehen. Das Wichtigste, worüber wir in Büchern, Filmen oder Musik sprechen können, sind immer die zwischenmenschlichen Beziehungen.

Sie haben schon mehrfach mit Ihrem Mann Javier Bardem zusammen gespielt. Was haben Sie daran für Erinnerungen?

Wir haben in neun Filmen zusammen gespielt, hatten aber nur in einigen davon gemeinsame Szenen. Der erste war die romantische Komödie „Jamón Jamón“ (1992). Das war jener Film, der unsere Karrieren startete – und deswegen war er etwas ganz Besonderes für uns. In Woody AllensVicky Cristina Barcelona“ (2008) hatten wir tolle Figuren, die ausgesprochen lustig zu spielen waren. Ich persönlich halte ja immer nach Komödien Ausschau, weil mir meistens dramatische Rollen angeboten werden. Dann kamen noch Filme wie „Loving Pablo“ (2017) hinzu, und jetzt dieser Film. Das Gute an der Sache ist, dass alle diese Rollen unterschiedlich sind und andere Dynamiken erfordern.

Ist es leichter oder schwerer, mit dem Ehemann zu spielen?

Weder noch, es ist einfach anders. Die Vorteile überwiegen, aber eine innere Stimme sagt mir auch, dass es nicht gut wäre, so etwas alle zwei Jahre zu machen. Das wäre doch zu viel.

Sie haben betont, dass Sie und Javier Bardem hier gleich hohe Gagen erhielten. Hatten Sie oft das Gefühl, im Vergleich zu Ihren männlichen Kollegen ungerecht bezahlt zu werden?

Es gab solche und solche Situationen, aber ich will mich in der Angelegenheit nicht in den Mittelpunkt stellen. Ich möchte ganz allgemein gegen ungleiche Bezahlung protestieren – im Namen aller Frauen, egal, ob sie Ärztinnen, Lehrerinnen oder Putzfrauen sind. Denen hält nie jemand ein Mikrofon unter die Nase und fragt: „Bekommen Sie den gleichen Lohn bezahlt wie Ihr Kollege? Haben Sie jemals Machtmissbrauch erfahren?“ Insofern möchte ich immer daran erinnern, dass ungleiche Behandlungen alle Frauen betrifft. Man braucht sich ja nur die Filmindustrie ansehen: In manchen Ländern gibt es überhaupt nur sieben Prozent Frauen, die Filme machen. Das ist so lächerlich. Je mehr ich darüber weiß, desto wütender werde ich. Oder kann mir jemand erklären, warum es nicht mehr Regisseurinnen gibt?

Wie haben Sie sich in dieser männlich dominierten Filmwelt zurechtgefunden?

Ich war sehr jung, als ich begann, aber meine Eltern waren immer in irgendeiner Form in Reichweite. Außerdem habe ich erlebt, wie sich die Frauen in meiner Familie selbst respektieren und stark waren. Das war inspirierend.

Gerade im Filmgeschäft werden Frauen sehr stark auf ihr Äußeres festgelegt – eine Debatte, die sich auf Filmfestivals immer wieder beim Gang über den roten Teppich entzündet. Wie erleben Sie das?

Ich finde, man muss die fruchtbare Verbindung zwischen Film und Mode nicht aufgeben, um Frauen mehr Respekt zu verschaffen. Aber natürlich gibt es feine Unterschiede. Wenn George Clooney über den roten Teppich marschiert, wird ihn keiner auffordern, sich im Kreis zu drehen. Andererseits gibt es diese Verknüpfung von Mode und Movies seit den Tagen von Fellini – und alle haben davon profitiert. Und spätestens dann, wenn der Film losgeht, werden die Schauspieler und Schauspielerinnen nach ihrer Arbeit bewertet – und sonst nichts. Das ist zumindest meine Sicht auf die Welt.