Der Notruf eines Kindes im Gazakrieg: "Die Stimme von HInd Rajab"

Vier Menschen in der Einsatzzentrale.
Oscarnominiert als bester internationaler Film: Die tunesische Regisseurin Kaouther Ben-Hania gibt in „Die Stimme von Hind Rajab“ einem in Gaza getöteten palästinensischen Mädchen eine Stimme.

Von Susanne Lintl

Es ist der 29. Jänner 2024, als in der Einsatzzentrale des Roten Halbmonds im Westjordanland der Anruf eines Kindes eingeht. Ein fünfjähriges Mädchen fleht, eingeschlossen in einem vom israelischen Militär attackierten Auto im Gazastreifen, um Hilfe. „Sie schießen auf mich“, sagt das Kind, „es gibt nur noch Leichen im Auto, alle sind tot.“

Ein Kind, das umgeben ist von toten Familienangehörigen, um sein Leben flehen zu hören – das war selbst für die hart gesottenen Mitarbeiter des Roten Halbmonds nichts Alltägliches. 70 Minuten lang versuchten sie, dem Mädchen namens Hind Rajab gut zuzureden und Rettung für sie zu organisieren. Am Ende starben das Mädchen und die zu Hilfe geeilten Retter des Roten Halbmonds.

„Hind Rajabs Stimme ist kurz nach ihrem tragischen Tod viral gegangen, und der Telefonmitschnitt war überall im Internet zu hören“, sagt die tunesische Regisseurin Kaouther Ben-Hania, die sich in ihrem filmischen Schaffen („Der Mann, der seine Haut verkaufte“, „Vier Töchter“) stets gekonnt auf dem Grat zwischen Fiktion und Dokumentarfilm bewegt, beim Interview in Paris: „Ihre Stimme hat mich Tag und Nacht verfolgt und nicht mehr losgelassen. Ich spürte eine Dringlichkeit. Ich musste etwas machen.“

Tunesische Regisseurin Kaouther Ben-Hania.

Tunesische Regisseurin Kaouther Ben-Hania.

Und Ben-Hania tat etwas: Sie unterbrach spontan die Dreharbeiten zu einem Filmprojekt, das in ihrer Heimat Tunesien spielt, „um Hind Rajab ihre Stimme zurückzugeben“. Besorgte sich die Telefonmitschnitte des Roten Halbmonds, stellte ein Team mit palästinensischen Schauspielern auf und nahm Kontakt mit Hinds Mutter auf.

„Sie war die Erste, die ich anrief, als ich mich dazu entschied, den Film zu machen. Ich wollte nicht nur ihre Erlaubnis, sondern auch ihren Segen dafür einholen. Schließlich ist es ihre Tochter, um die es geht.“

Als sie den Film abgedreht hatte, bat sie die Mutter, ihn sich anzusehen, was diese aber nicht übers Herz brachte: „Sie meinte, wenn ich auf die ehrliche Meinung der nächsten Angehörigen Wert lege, dann solle sich ihr Bruder den Film ansehen. Sie vertraut ihm total. Als dieser angetan war, war auch die Mutter zufrieden.“

Originalstimme

Mittlerweile besuche Hind Rajabs Mutter auch ausgewählte Events wie das Doha Film Festival, wo „Die Stimme von Hind Rajab“ als Eröffnungsfilm lief. Angesehen habe sie den Film noch immer nicht: „Aber sie trat nach dem Abspann des Films vor das Publikum und bedankte sich für die positive Rezeption.“

Kaouther Ben-Hania verwendete für ihren Film die Originalmitschnitte des Telefonats von Hind Rajab mit den Roter Halbmond-Mitarbeitern, diese wiederum besetzte sie mit professionellen Schauspielern.

Auf die Kritik, die Originalstimme von Hind Rajab auszuschlachten, reagiert die 48-Jährige gelassen: „Was wäre die Alternative gewesen? Ich hätte ein Kind engagieren müssen, das nachspielt, was Hind gesagt hat. Das wäre grausam gewesen, kein Kind kann so was spielen. Natürlich ist die Verwendung der Originalstimme etwas, das Unbehagen bereitet, aber genau deshalb war dieser Schritt für mich so wichtig. Hinds Stimme war für mich das Rückgrat meines Films, der wachrütteln soll.“

Who is Who

Die Executive-Producer-Liste des Films liest sich wie ein Who is Who aus Hollywood: Brad Pitt, Joaquin Phoenix, Rooney Mara, Jonathan Glazer und Alfonso Caron scheinen da auf.

Wie hat Ben-Hania den Kontakt zu diesen Hochkarätern hergestellt?

„Als wir mit der Montage des Films fertig waren, überkam uns plötzlich diese Angst, dass der Film als kleiner Nischenfilm abgestempelt wird, den keiner sehen will. Also beschlossen wir, ihm quasi als Starthilfe Unterstützung von berühmten Persönlichkeiten zu geben. Wir kontaktierten eine Reihe wichtiger Menschen im Filmbusiness und wären schon zufrieden gewesen, wenn nur einer zugesagt hätte. Dass es dann so viele wurden, freut mich natürlich sehr. Zuletzt sind auch noch Michael Moore und Spike Lee dazugekommen. Dank ihrer Hilfe haben wir das geschafft, was wir wollten: den Film für möglichst viele Menschen sichtbar zu machen.“

Kein Verleih in den USA

Dass ihr „kleines, spontanes Projekt“ ein so großer Erfolg wird – bei den letztjährigen Filmfestspielen in Venedig erntete der Film 24 Minuten Standing Ovations und wurde mit dem Silbernen Löwen ausgezeichnet, jetzt ist er oscarnominiert –, hätte Ben-Hania nicht zu träumen gewagt.

„Ich wusste schon, dass der Film eine emotionale Kraft hat, aber nicht in dem Ausmaß. Das übertrifft all meine Erwartungen. Das Einzige, was mich enttäuscht, ist, dass er in den USA keinen großen Verleih gefunden hat. Das finde ich schade, denn ich hätte mir gewünscht, dass ihn auch möglichst viele Leute dort sehen.“

Aber sie lässt sich nicht entmutigen: Sie habe „The Voice of Hind Rajab“ bereits bei der UNO, im US-Kongress, im britischen House of Lords, im Europaparlament und bei der EU-Kommission vorführen lassen. „Über das normale Kinopublikum hinaus möchte ich den Film Politikern nahe bringen in der Hoffnung, dass sie handeln. Dass sie hinsehen und hinhören und sich gegen das Leiden der Menschen in Gaza einsetzen“.

Keine Illusionen

Über Frieden im Nahen Osten macht sich die Filmemacherin keine Illusionen. „Ich kann nur sagen, es wird keinen Frieden ohne Gerechtigkeit geben. Diejenigen, die – auf beiden Seiten – getötet haben, müssen sich vor Gericht verantworten. Das wird aber nicht der Fall sein, es wird niemand zur Rechenschaft gezogen. In so einer Welt ist es nicht möglich, friedvoll zu leben.“

Am Ende ihres Films zeigt Ben-Hania die realen Fernsehbilder der beiden zerstörten Fahrzeuge – des Rettungswagens und des Wagens, in dem Hind Rajab saß – in der surrealen Trümmerlandschaft von Gaza. Politische Kommentare blendet sie aus. Propaganda sei ein Instrument der Mächtigen. Aber Hind Rajab hätte keine Macht gehabt. Ben-Hania: „Ich mache Kino. Und Kino ist für mich ein Ort, in dem Empathie und gemeinsame Menschlichkeit dominieren sollten.“

Kommentare