© Barbara Pálfy/Volksoper Wien

Kultur
01/03/2019

Interview: "Die leichte Kost ist Schwerstarbeit"

Volksoper. Axel Herrig und Lisa Habermann über gute Sprache und ihre Hauptrollen in "My Fair Lady". Von Susanne Zobl.

Phonetiker Dr. Higgins will die junge Blumenverkäuferin Eliza mittels Sprecherziehung in eine angesehene Dame der Society verwandeln. Diese Geschichte verköperten Künstler wie Michael Heltau, Peter Minich, Helga Papouschek, Dagmar Koller sowie zuletzt Herbert Föttinger und Katharina Strasser (seit 2008 alternierend mit Johanna Arrouas und Kurt Schreibmayer) in Alan J. Lerners Musical-Klassiker „My Fair Lady“. Nun übernehmen der aus Trier stammende Axel Herrig und die gebürtige Linzerin Lisa Habermann.
 

KURIER: Funktioniert diese Geschichte von einem Mann, der eine Frau nach seinen Vorstellungen ausbildet, in einer Zeit des Postfeminismus und von #MeToo überhaupt noch?

Axel Herrig: Higgins ist doch kein Weinstein (Harvey Weinstein, Beschuldigter in der #MeToo-Debatte, Anm.). Ich hüte mich davor, jegliche Erotik in die Figur reinzupacken.
Lisa Habermann: Higgins hat doch nur Ehrenhaftes im Sinn. Er ist ein leidenschaftlicher Phonetiker. Und Eliza braucht ihn, um gesellschaftlich aufsteigen zu können. Am Ende profitieren sie beide von seiner Erziehung.
 

Wer wäre Higgins heute?

Herrig: Er wäre sicher ein Nerd, ein Sheldon Cooper („Big Bang Theory“, Anm.). Er ist ein echter Wissenschaftler. Und wir spielen ein Märchen für Erwachsene.
Habermann: Die Faszination und der Spaß dieser Geschichte lagen für mich bereits als Mädchen und liegen auch heute noch an dem „Hässlichen-Entlein-Phänomen“. Es geht um große, glanzvolle Verwandlung und darum, im Inneren dieselbe zu bleiben.
 

Wie erleben Sie den Umgang mit Sprache heute?

Herrig: Ich gebe Ihnen ein Beispiel. Vor Kurzem fragte mich die Tochter meiner Freundin: „Kannst du das mal appreciaten?“ Und: „Er hat mich voll gedisst.“ Übersetzen Sie das einmal. Die Kinder lernen die Sprache aus Serien oder auch aus der Musik. Und da wird kein wirklich gutes Deutsch gesprochen. Die gute Sprache geht immer mehr verloren.
Habermann: Wir leben in einer Zeit, wo man einen Higgins dringend brauchen würde. Aber zum Glück wird in diversen kreativen Bewegungen wie etwa den „Poetry Slams“ wieder die Kraft der Sprache entdeckt. Und das Schöne an diesem Stück ist doch, dass es zeigt, wie prägend Dialekte sind. Und die Pflege eines Dialekts verweist darauf, dass man auf seine Herkunft stolz ist. Im England des 19. Jahrhunderts wurde vor allem die eigene gesellschaftliche Klasse mit Würde und Stolz sprachlich vertreten.
 

Werden Sie Ihre eigenen Idiome in Ihr Spiel einbringen?

Habermann: Eliza soll in dieser Fassung Wienerisch klingen. Ich muss mich bemühen, dass ich nicht oberösterreichere.
Herrig: Aber wenn sie das tut, ist es entzückend.
Habermann: Beim Wienerischen kann ich mehr auf die Tube drücken.
Herrig: In Mannheim spiele ich schon seit Längerem die Berliner Fassung von „My Fair Lady“. Im Moment ist es die größte Herausforderung, die beiden Fassungen zu trennen. Aber ich erlaube mir auch privat den Spaß, Leute aufgrund ihres Dialekts zu lokalisieren.
 

Frau Habermann, Sie haben bisher vor allem im Bereich des Musicals gearbeitet. Wie erlebten Sie persönlich den Wechsel ins Ensemble der Wiener Volksoper?

Habermann:
Aus der Freiheit in ein festes Engagement zu wechseln, nimmt einem die Flexibilität, aber es gibt einem auch die Chance, zu wachsen. Ich kann innerhalb einer Spielzeit mehrere Rollen verkörpern. Dabei kann ich viel lernen. Es ist bereichernd, in dieses klassische Fach einzutauchen. Da kann ich meine Stimme pflegen.
 

Herr Herrig, als Falco-Darsteller wurden Sie in Deutschland und Österreich einem großen Publikum bekannt. Sie kommen aber aus der Oper. Wie war der Weg zurück zum klassischen Genre?

Herrig: Schwierig. Ich habe 1600 mal den Falco gespielt. Eine Zeit lang wurde ich in erster Linie tatsächlich als Falco gesehen. Aber ich finde, jede Musik hat ihre Daseinsberechtigung, wenn sie gut ist.
 

Stichwort Daseinsberechtigung: Warum hat es die Operette heute so schwer, sich zu behaupten?

Habermann: In dieser Kunstform ist die Leichtigkeit das Wichtigste. Als Darstellerin muss ich tänzeln, singen und manchmal auch noch einen frechen Witz erzählen. Wenn man einen Wagner stemmt, dann wollen die Leute auch die Anstrengung der Sänger sehen. Aber in der Operette muss alles ganz leicht aussehen. Deshalb wird dieses Genre oft als leichte Kost abgetan, aber das ist Schwerstarbeit. Nur das sieht man nicht.
Herrig: Die Operette erfährt wieder eine Renaissance. Das Genre wurde in den Siebzigerjahren von gängigen Fernsehproduktionen ziemlich beschädigt, jetzt wird es entstaubt.
 

Eine technische Frage: Weshalb wird Operette immer öfter mit Mikrofonen gesungen?

Herrig: Man hat damit ganz andere stimmliche Gestaltungsmöglichkeiten. Aber auch in Opernhäusern wird immer öfter verstärkt. Das liegt daran, dass man heute durch die Digitalisierung andere Hörgewohnheiten hat. Man muss versuchen, die Balance zwischen Naturklang und Perfektion zu halten.

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