Kultur 07.12.2011

Im Eishaus - von Minette Walters

© Bild: Schöndorfer

Das Erstlingswerk der Autorin ist ein fesselnder Krimi über die Beziehung eines Frauen-Dreiecks, das so gar nicht "englisch" ist.

Mit einem metaphorischen "Furz in die Teegesellschaft" beginnt der Kriminalroman "Im Eishaus" und setzt damit schon die wichtigsten Akzente: Hier geht es um Sprachwitz und Gesellschaft, um kampfbereite Geistesschärfe, um die Psychologie zwischen den Geschlechtern. Und um einen Mord natürlich. Minette Walters Erstlingswerk ist ein klassischer "Who had done it", führt zu Verdächtigen und Möglichkeiten, bis am Ende das Verbrechen geklärt ist. Ein althergebrachter, englischer Kriminalroman - wären da nicht Protagonistinnen, die weit entfernt von den dort üblichen Rollenzuteilungen agieren. Erstaunlich, wie dieses Genre um Landhäuser, Lords und Butler alle paar Jahre eine Frischzellenkur verpasst bekommt; ebenso erstaunlich, dass es sich bei den Ärzten, die diesen "Patienten Krimi" behandeln, oft um Schriftstellerinnen handelt: Ob Dorothy L. Sayers in den 1920er- und 1930er-Jahren ihren Lord Peter Wimsey Mord und Totschlag aufklären ließ, Martha Grimes seit den Achtzigern ihren Inspektor Jury oder in den Neunzigern Elizabeth George das durch die Fernsehserie bekannte Duo von Inspektor Lynley und Sergeant Barbara Havers - sie alle schrieben englische Kriminalliteratur in der Nachfolge von Agatha Christie oder Conan Doyle.

Minette Walters, nördlich von London in Hertfordshire geboren, präsentierte 1992 mit "Im Eishaus" ihre eigene Variante. Die Autorin war damals 42 Jahre alt, hatte die übliche Zahl von Verlags-Abfuhren hinter sich und schreibt dazu auf ihrer Homepage: "Man braucht eine Haut wie ein Rhinozeros, um die Schläge abzufangen, aber wenn dann jemand sagt ,Ich mag deine Sachen wirklich`: Wow!"
Wow, das meinen zwanzig Jahre nach der Veröffentlichung auch heutige Leserinnen und Leser zu "Im Eishaus". Viele Krimis - abgesehen von den ganz Großen - altern schlecht und verlieren schon bald ihren Reiz. Walters` erstes Buch nicht: Zu fesselnd sind die Charaktere gezeichnet, die sich immer wieder eine weitere Zwiebelschicht von der Seele reißen. Nie weiß man, welche sich darunter findet - die Sympathie für eine Figur kann überraschend, aber stets stringent, in Abscheu umschlagen. Aus dieser Psychologisierung schöpft der Roman seine eigentliche Spannung. Der Mordfall selbst ist zwar der Rhythmus, der den Puls vorgibt und schlägt und schlägt. Die Melodien aber, die eigentliche Musik, spielt sich in Köpfen und Herzen der Protagonistinnen ab. So ist im "Eishaus" die Beziehung des Frauen-Dreiecks, das auf einem Landgut lebt, differenziert bis in die feinsten Nuancen: Da ist Phoebe Maybury, Herrin von Haus, Grund und einem Geheimnis, das um ihren vor zehn Jahren verschwundenen Ehemann kreist. Da ist die Innenarchitektin Diana Goode, die den ermittelnden Sergeanten McLoughlin als "Muffel-Macho" bezeichnet, und schließlich die spitzzüngige Journalistin Anne Cattrell, mit der es der Kriminalist und - mitunter leicht verunsicherte - McLoughlin auf die unterschiedlichsten Arten und Weisen zu tun bekommen wird. Sie alle werden sehr tief gezeichnet, bekommen von ihrer Schöpferin Minette Walters ein beeindruckendes Leben eingehaucht und geschliffene Dialoge in den Mund gelegt.

Minette Walters (*1949): „Schaut doch mal, Fred Phillips rennt!“ Anne Cattrells Bemerkung platzte in die Stille des Augustnachmittags wie der Furz in die Teegesellschaft der Pastorsgattin.“
© Bild: Schöndorfer

"Im Eishaus" gewann etliche Preise, auch die folgenden Bände "Die Bildhauerin" und "Die Schandmaske" räumten ab und wurden verfilmt. Anders als ihre Kolleginnen - und das ist ihr hoch anzurechnen - wechselt Minette Walters ihr Personal mit jedem neuen Roman. Sie lässt sich Zeit mit ihren Büchern, veröffentlicht nur alle zwei Jahre und - man merkt ihren Texten diese Sorgfalt an.

Erstellt am 07.12.2011