Der Verleger Jochen Jung (re., einst Residenz Verlag, jetzt Jung und Jung) mit Peter Handke

© Anna Jung

Literatur
10/13/2019

„Ich stehe seit zwei Stunden hier und warte auf euch“

Erinnerungen: Der Verleger Jochen Jung berichtet über einen Besuch bei Peter Handke in Paris zum 50. Geburtstag

Vor einem Vierteljahrhundert, im Dezember 1992, beschlossen Walter Pichler und ich, eine kleine Reise nach Paris zu unternehmen, um Peter Handke zu seinem 50. Geburtstag zu gratulieren. Als Geschenk hatte ich als Geschäftsführer des damaligen Residenz Verlags ein Bild von Pichler ausgewählt und ihm günstig abgekauft. Pichler war schließlich einer der bedeutendsten Künstler Österreichs und seit Jahrzehnten der Gestalter der Buchumschläge des Residenz Verlags, wo 1972 Handkes erster großer Erfolg als Prosaautor, „Wunschloses Unglück“, erschienen war. Wir fixierten mit Handke einen Tag und eine frühe Abendstunde und machten uns auf den weiten Weg.

Pichler flog von Wien, ich von München aus, und wir trafen uns am Vorabend in Paris und verabredeten uns für den nächsten Nachmittag, wo wir dann an der Station St. Michel in den Zug stiegen, der aber, wie sich bald herausstellte, nicht nach Westen Richtung Versailles fuhr, sondern über die Seine nach Norden Richtung Argenteuil. Nach zehn Minuten ahnten wir, das da etwas nicht stimmte (wir waren über die Seine gefahren), nach zwanzig, dass es falsch war, und nach einer halben Stunde, dass wir aus- und umsteigen mussten. In Argenteuil suchten wir eine Telefonkabine (Handys gab es erst zwanzig Jahre später), fanden auch eine, aber – Handke hob nicht ab.

Die nächste Suche galt einem Taxi, auch das fanden wir, und es fuhr sogar, aber der Fahrer ließ uns wissen, dass es westlich von Paris keine Brücken über die Seine gab. Also mussten wir erstmal zurück in die Hauptstadt und von dort mit neuem Anlauf nach Chaville.

Er explodierte geradezu

Kaum waren wir dort auf dem Bahnhofsvorplatz angekommen, ging Handke schon auf uns zu. „Ich stehe seit zwei Stunden hier und warte auf euch“ war die Begrüßung, und als wir nach heftiger Entschuldigung ihm sagten, was unser Fehler gewesen war und dass wir versucht hätten, ihn zu Hause anzurufen, sagte er noch einmal: „Ich stehe seit zwei Stunden hier und warte auf euch.“ Er drehte sich um, und während ich noch den Taxler bezahlte, ging er schon los, wir eilten hinterher, wortlos, und nach zehn Minuten bog er nach links in die zauberhafte kleine Allee zum Tor. Seines Hauses.

Wir blieben eine knappe Stunde dort, wiederholten unsere Gratulation, und ich gab ihm das Bild, das er auspackte, lange anschaute und dann mit einem fast gesungenen „Jaa“ hinter sich an die Wand lehnte, wo es von da an meines Wissens noch jahrelang stehenblieb.

Inzwischen war noch seine (damals noch nicht geheiratete) überaus liebenswürdige Frau Sophie hinzugekommen, die die Atmosphäre sofort spürbar entspannte. Sie schenkte allen ein Glas Wein ein, das die drei Männer mit Nachdruck leerten.

Dann sagte Handke, es gebe ein gutes Restaurant in Versailles, wo er einen Tisch bestellt habe. Also standen wir auf, und Sophie fuhr uns in ihrem Auto dort hin. Das Lokal war nahezu voll, aber der Tisch war frei, und kurz darauf blätterten alle irgendwie erleichtert in den Speisekarten. Jeder fand etwas, wir bestellten, und schon der erste Gang zeigte, dass das eine gute Adresse war.

Dann aber geschah es: Kaum hatte Walter seine Suppe gelöffelt, da holte er sich eine Schachtel aus der Jackentasche und zündete sich eine an. Daraus wurde in kürzester Zeit, und als ob Handke darauf nur gewartet hätte, eine Feuersbrunst. Er explodierte geradezu und überschüttete Pichler mit dem bis dahin gerade noch gebändigten Zorn: Das sei typischer Egoismus, Rücksichtslosigkeit, Appetitverderben und einfach abscheulich.

Das Rauchen war ja zu der Zeit noch nicht regelrecht verboten in Wirtshäusern und Cafés, aber es hatte sich doch schon eingebürgert, dass man das zur Schonung der Gesundheit der Mitinsassen besser ließ. Was Pichler dann auch sofort tat. Es wurde zwar weiter gegessen, aber Handke hatte sein Ungehaltensein wegen unserer Nachlässigkeit noch nicht ganz überwunden.

Die Friedenspfeife

Nach dem letzten Bissen wurde gezahlt und aufgestanden, und Sophie bot uns beiden, Walter und mir, an, uns zu unserem Hotel zu fahren. Peter fuhr mit, und nach einer Viertelstunde stillen Unterwegsseins bat er Sophie, anzuhalten. Wir standen jetzt vor einem offenen Café, und Peter meinte, ein Glas wäre doch noch hilfreich. Also stiegen alle aus und setzten sich an einen Tisch, der halb auf der Straße stand. Der Monsieur kam und kam wieder mit vier Gläsern, und während ein deutlich entspannteres Plaudern losging, griff Peter in Sophies Tasche, fand die Zigarettenschachtel und das Feuerzeug, zog eine heraus, steckte sie in den Mund (seinen) und zündete sie an. Friedenspfeife war da gar kein Ausdruck; die Straße war erfüllt von Versöhnungsgelächter.

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