Es naht Weihnachten: Emma (Janet Etuk) möchte ihr Baby nicht in der grindigen Notunterkunft zur Welt bringen müssen

© Nurith Wagner-Strauss

Kritik
09/03/2021

Hyperrealistischer Sozialporno: Die Liebe in Zeiten des Elends

Wiener Festwochen: Alexander Zeldin zeigt im Jugendstiltheater "Love", den zweiten Teil der Trilogie „The Inequalities“

von Thomas Trenkler

In seiner Trilogie „The Inequalities“ beschäftigt sich der britische Regisseur und Dramatiker Alexander Zeldin mit den Abgehängten: mit jenen, die am unteren Rand der Gesellschaft würdelos vegetieren müssen.

Der erste Teil, „Beyond Caring“ (2014), spielt während einer Nachtschicht im grindigen Pausenraum einer Fleischfabrik und thematisiert das Schicksal von drei Leiharbeiterinnen, die permanent ums Überleben kämpfen: „bis ans Ende einer Schicht, ans Ende eines Tages, letztlich bis ans Ende ihres Lebens“, wie Zeldin es formuliert hat. Im dritten Teil, „Faith, Hope und Charity“ aus 2019, finden die sozial Schwächsten bei der herzensguten Hazel Trost – bis die derangierte Wohlfahrtseinrichtung geschlossen wird.

 

Die Wiener Festwochen präsentierten den umjubelten Sozialkitsch Anfang Juli. Und nun zeigt man bis 8. September im Jugendstiltheater „Love“ aus 2016. Wieder stammt das wuchtige, beeindruckend hyperrealistische Bühnenbild – der Gemeinschaftsraum einer schäbigen Notunterkunft – von Natasha Jenkins. Und wieder geht es um eine Schicksalsgemeinschaft aus Verlierern und Migranten. In Zimmer 4 haust der arbeitslose, verhaltensauffällige Colin (Daniel York Loh) mit seiner erbarmungswürdigen Mutter (Amelda Brown), im Zimmer nebenan eine sympathische Patchworkfamilie: Dean (Joel MacCormack) mit seinen Kindern Paige und Jason aus erster Ehe samt seiner hochschwangeren Frau Emma (Janet Etuk).

Weihnachten naht. In diesem Stall möchte Emma ihr Baby nicht zur Welt bringen müssen, aber in der Herberge ist kein Platz: Alle Versuche, eine Sozialwohnung zugesprochen zu bekommen, scheitern. Noch verleiht die Liebe Hoffnung, noch kann man von einem „Happy Meal“ bei McDonald’s träumen.

Natürlich berühren die Schicksale. Und Zeldin verstärkt auch noch die Nachtasyl-Tristesse, indem er in sein perfekt getaktetes Tür-auf-Tür-zu-Stück immer wieder amüsante Szenen einbaut. Aber er ist auch hochgradig manipulativ. Denn die werdende Mutter (in der 33. Woche!) erhält kein Karenzgeld, in der Schule fällt nicht auf, dass die liebenswerte Paige und ihr ruppiger Bruder Hunger leiden. Und nur dem jungen Syrer gelingt der Absprung.

Das Publikum genoss den Sozialporno. Es trampelte vor Begeisterung, die Schauspieler strahlten.

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